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Die Mühen der Menüs
Das Manager-Magazin auf der Suche nach gelungenen Firmenpräsentationen
Also - so langweilig kann das deutsche Internet doch gar nicht sein, daß die Sites, die sich das Managermagazin da ausgeguckt hat, die drei besten Webauftritte von Großunternehmen in Deutschland sein könnten.
Sieger aller Klassen ist danach der Gesundheitskonzern www.fresenius.de (der Kandidat hat 373 Punkte), gefolgt von www.thyssenkrupp.de (335 Punkte) und www.commerzbank.de (320). Sicher, die drei Testsieger bieten Inhalt ohne Ende - aber die Art, wie sie den präsentieren, erinnert allzuoft an den Wühltisch in einem billigen Kaufhaus. Wofür also soviele Punkte?
Das Managermagazin ist wenigstens so freundlich, näheres zu seinem Bewertungsverfahren mitzuteilen - was allerdings die Bedenken nicht ausräumen kann. Vor allem die Navigation erhält dort einen viel zu geringen Stellenwert - und genau da zeigen die drei im ManagerMagazin an die Spitze gelobten Seiten ihre größten Schwächen.
Viel zu viele Verlinkungen
Wie soll sich ein Besucher von www.commerzbank.de unter den
13 Menupunkten und 14 - inhaltlich damit nicht übereinstimmenden
- Themenlinks entscheiden, die ihn auf der Begrüßungsseite
erwartungsvoll anschauen: Klick mich - nein, mich! Dabei verzichtet
die Commerzbank völlig darauf, den Punkt, der für
viele Besucher besonders interessant ist, irgendwie hervorzuheben:
Den Eingang zum Onlinebanking. Die Deutsche Bank 24 zeigt,
wie man es besser macht - und die Advance Bank, daß
es noch schlechter geht. Das freilich läßt die
Commerzler nicht ruhen: Wenn man das unauffällige Link
zum Onlinebanking betätigt, landet man auf einer Seite,
die einem im Menu abverlangt, sich etwas unter dem Unterschied
von "Online Banking web" und "Online Banking
mit HBCI" vorstellen zu können. Ersatzweise ist
ein fast unlesbares "Zugang" aufzuspüren, das
zur Hälfte vom farblichen Hintergrund verschluckt wird
- ein Meisterstück des Webdesigns.
Navigation kontra Design?
Die Aufgabe, umfangreiche und vielfältige Informationsbestände zu erschließen, macht auch den beiden anderen Spitzenreitern sichtlich zu schaffen. Fresenius zeigt dem Besucher neben einer ziemlich nervösen Grafik, dem Börsenkurs und einem Aktualitätenticker mit drei Menus vor allem sehr viel leerem Raum. Den halten die Designer für nötig, damit der Besucher aus dem Hauptmenu insgesamt 42 Unterpunkte ausklappen kann. Das sieht dann zwar nicht besonders attraktiv aus - aber es dürfte leidlich funktionieren. Weniger wegen der Klappmenus, sondern weil die klassischen Kategorien "Wir über uns", "Investor Relations", "Presse", "Gesundheit" und "Karriere" dem Besucher in jedem Fall eine brauchbare Orientierungshilfe geben. Aber ist es wirklich eine Lösung, zugunsten der Funktionalität auf eine annehmbare Gestaltung zu verzichten?
ThyssenKrupp bietet mit zweieinhalb Menüs einen ganz ähnlichen Einstieg und packt auch noch dreierlei Content auf die Begrüßungsseite: Eine Unternehmensbeschreibung in acht Zeilen, Links zu den neuesten Pressemitteilungen und einen optischen Blickfang aus der aktuellen Imagekampagne. Das ist nicht schlecht gedacht - aber auch nicht wirklich gut gemacht. Darauf ist noch zurückzukommen. Das Hauptmenu von ThyssenKrupp klappt keine Unterpunkte aus, sondern eine Kurzbeschreibung dessen, was den Besucher dort erwartet. Nicht unbedingt nötig angesichts von Kategorien wie "Konzern", "Presse", "Investor Relations" und "Karriere", aber auch kein Fehler.
Nothelfer mit begrenztem Nutzen
Sowohl die Commerzbank wie auch Fresenius lassen erkennen, daß sie nicht wirklich davon überzeugt sind, mit ihren ersten Seiten dem Besucher ausreichende Orientierungspunkte zur Verfügung gestellt zu haben. Die Commerzbank bietet eine kleine Hilfe an, die Erstbesucher in die Grundzüge ihrer teilweise etwas eigenwilligen Navigation einführt. Nicht schlecht, aber auch nicht ausreichend, um unbedarfte Surfer zuverlässig auf eines der Pfunde im Angebot zu leiten, z.B. auf das gut gemachte hauseigene Service- und Finanzportal ComPort, das in den vierzehn Themenlinks auf der Eingangasseite hoffnungslos untergeht.
Die Freseniusleute haben sich da schon etwas gescheiteres einfallen lassen: Eine Guided Tour, die samt freundlicher Photos der jeweils inhaltlich zuständigen Mitarbeiter gleich in vier unterschiedlichen Varianten angeboten wird: Für Patienten, medizinisches Personal und Kunden; für Bewerber; für Aktionäre und Analysten sowie für Journalisten. Dumm nur, daß der Eingang zu diesem Angebot in Menu Nr. 3 einigermaßen unter Wert versteckt ist - wofür haben sie denn soviel freien Platz auf der Begrüßungsseite? Für regelmäßige Besucher hat Fresenius noch eine weitere Hilfestellung im Angebot: Unter "Neu auf dieser Website" bekommt man auf kurzem Wege Zugang zu neu ins Angebot genommenen Seiten - die freilich so neu nicht immer zu sein scheinen: Noch Januar 2002 fanden sich dort Verweise auf Seiten vom Sommer 2001.
Bei ThyssenKrupp gibt es - von einer mäßig hilfreich aufgemachten Sitemap einmal abgesehen - keinen Versuch, dem Besucher den Zugang zum Inhalt leichter zu machen. Er bleibt mit teilweise kryptisch aufgemachten Submenus sich selbst überlassen - was bitteschön sagt dem Außenseiter "Segmente"? - und darf sich, falls er auf "Unternehmen im Internet" klicken sollte, über eine kommentarlos dargebotene Liste von über 100 Websites von Mitgliedern der Konzernfamilie wundern.
Mitarbeiter werben oder abschrecken
Zur Entschädigung findet der an einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz interessierte Surfer wenigstens unter "Karriere" ein nachvollziehbar gegliedertes Angebot aussagekräftiger Kurztexte. Zumindest die Personalabteilung, so steht zu vermuten, hat eine Vorstellung davon, was sie vom Internetauftritt des Unternehmens erwartet. Ein Zufall ist das nicht: Stellensuchende und Stellenvermittler machen intensiv Gebrauch von den Informationsmöglichkeiten im Internet, und viele Personalabteilungen erhalten intensives positives und negatives Feedback, das es ihnen erleichtert, ihren Anteil am Webauftritt den Erwartungen der Besucher gemäß auszurichten.
Da möchte man doch gerne einmal wissen, welches Feedback die Commerzbank dafür erhält, daß sie auf ihrer Eingangsseite viererlei Einstiege in den Bereich bietet, der anderswo kurz und knapp "Karriere" heißt: Im Menu eher versteckt unter dem 11. Punkt "Arbeitswelt Commerzbank und dem eigens als Nr. 12. aufgeführten Punkt "Jobbörse". Zwei weitere Eingänge gibt es in der "gemischen Linksammlung" im Hauptteil der Seite - einmal unter "Hotstaff - Karriereberater für Hochschüler" und dann noch unter "Zukunftskaufleute - online bewerben". Da haben die Werbetexter wieder einmal getextet, was das Zeug hält - und vor lauter Anstrengung übersehen, daß beide Links beim Aufruf der Seite außerhalb des Blickfeldes zu liegen kommen, selbst wenn man die Seite in einem Browserfenster 1024 x 768 aufruft. Tatsächlich erscheint der ganze Bereich so verwirrend ausgelegt, daß man vermuten könnte, die pfiffigen Banker hätten die labyrinthische Navigation bereits als ersten Intelligenztest vor die Bewerbungen geschaltet.
Der Link bei "Zukunftskaufleute" führt zu einem Unterpunkt von "Arbeitswelt Commerzbank" - der "Hotstaff" geht auf eine eigene Website und führt insoweit aus der "Arbeitswelt" ganz heraus. Dagegen taucht die auf der Eingangsseite neben der "Arbeitswelt" angebotene "Jobbörse" innerhalb der Arbeitswelt erneut als Unterpunkt auf. Noch im Bilde? Oder schon aufgegeben?.
Eine ordentliche Navigation ist das Hauptmittel, Zugang zum Inhalt einer Website zu vermitteln, aber keinesfalls das einzige. Auf andere Elemente der Accessibility, die weniger mit der logischen Struktur einer Site, sondern mehr mit der grafischen Gestaltung zu tun haben, möchte ich in einem späteren Beitrag zu den drei Top-Sites von 2001 eingehen
Nichts geht über eine freundliche Begrüßung
Hier und heute noch ein paar Bemerkungen zu einem anderen Aspekt der Zugänglichkeit, der gerne übersehen oder falsch verstanden wird. Zu reden ist von einer einladenden Gestaltung der Eingangsseite - einladend in dem Sinne, daß auch ein flüchtiger Besucher, der vielleicht nur bei "irgendeiner Bank" oder "irgendeinem Pharmaunternehmen" vorbeischauen wollte, sich angesprochen fühlt. Auch er soll dazu angeregt werden, die Mühen der Menüs auf sich zu nehmen und nicht gleich zum nächsten Angebot der Suchmaschine weiterzuklicken.
Da gibt es keine Patentrezepte, und Geschmack ist Geschmacksache; sowohl bei dem, was zu empfehlen, wie dem, von dem abzuraten ist, sind je nach ins Auge gefassten Zielgruppen oder vermuteten Wahrnehmungssituationen sehr verschiedene Dinge zu beachten. Am leichtesten fällt eine Kritik bei der Commerzbank: Die Seite wirkt trotz freundlicher Farbgebung in jedem Fall unübersichtlich. Wer weiß, was er sucht, kann sicher im zweiten Anlauf sein Ziel finden - dort setzt er dann ein Bookmark und würdigt den Rest des Angebotes so schnell keines zweiten Blickes. Wo die Commerzbank unübersichtliches Gedränge bietet, geht es bei Fresenius kahl und kühl zu - ein Eindruck, den die Farbgebung und der Mangel an sofort sichtbarer Information noch unterstreichen. Ich würde nicht so weit gehen, das direkt als "abschreckend" zu bezeichnen, aber ich kann mir durchaus eine gewinnendere Begrüßung des Besuchers vorstellen.
Webseiten sind für die Besucher - und nicht für die eigenen Manager
Vielleicht so ähnlich wie bei ThyssenKrupp, wo der erste Eindruck der Seite von einem ausgewogenen Verhältnis zwischen illustrativem Blickfang, Informationstext und Navigationselementen bestimmt wird. Dieser sympathische erste Eindruck verflüchtigt sich allerdings zum guten Teil, wenn man sich den einzelnen Elementen näher zuwendet. Von der Navigation und ihren Schwachpunkten war schon die Rede. Der Text ist nichtssagender, als selbst unter beengten Verhältnissen nötig, aber die große Enttäuschung war für mich das Ergebnis des Klicks auf die Abbildung wechselnder Motive aus der aktuellen Image-Kampagne: Es öffnet sich ein Fenster mit zusätzlichen Informationen zu dieser Kampagne - das mag vielleicht drei Analysten und eine Mediaagentur begeistern als Anzeichen dafür, daß Thyssen Krupp an seinem Image arbeitet, die Masse der Seitenbesucher interessiert das überhaupt nicht.
Hier wurde eine große Chance vertan. Die Anzeigenmotive und Fernsehspots dieser übrigens sehr gut gemachten Kampagne präsentieren ja jeweils Highlights aus der Arbeit des Unternehmens - nichts würde näher liegen, als mit dem Klick auf das Bild die ganze dahinterstehende Geschichte erzählen zu lassen - Technologieführerschaft mit human touch sozusagen. Daraus ließe sich mit geringem Aufwand ein Seiteneinstieg gestalten, der den guten ersten Eindruck vertieft und mit dem so gewonnenen Sympathiekapital auch flüchtige Besucher ermutigt, sich den Mühen der Inhaltserschließung zuzuwenden.
Daß diese Chance nicht wahrgenommen wird, ist ein untrügliches Zeichen dafür, daß man beim Entwurf der Seite wieder einmal nur daran gedacht hat, was das Unternehmen "kommunizieren" will, und nicht daran, wie man eine Website dazu nutzt, Kommunikation mit den Besuchern in Gang zu bringen.
Michael Charlier
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