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Seekrank durchs ProfNet:
Profs, Profis und das wilde, weite Web
oder: Muss ein Restaurantkritiker kochen können?
Muss ein Restaurantkritiker kochen können? Nicht unbedingt, aber es hilft, wenn er den Unterschied zwischen Äpfeln und
Erdäpfeln kennt. Muss ein Literaturkritiker Romane schreiben können? Allzu viele tun es, obwohl sie es gar nicht müssten,
denn es reicht völlig, wenn sie die deutsche Sprache einigermaßen zu handhaben verstehen. Muss ein Kritiker und Begutachter
von Webseiten selbst perfekte Webauftritte entwerfen können? Sicher nicht in jedem Fall. Aber für den Fall, dass er sich
selbst ins wilde weite Web wagt, wäre es jedenfalls kein Nachteil, wenn er erkennen lässt, dass er auch weiß, was die Wörter
bedeuten, mit denen er gewerbsmäßig hantiert.
Nie im Leben hätte ich mir www.profnet.de angeschaut, wäre nicht im letzten Herbst eine Meldung durch die DV- und
Wirtschaftspresse gegangen: Das Dortmunder ProfNet Institut für Internet-Marketing hat geprüft, wie gut deutsche Konzerne
für das Online-Geschäft mit Lieferanten und Kunden gerüstet sind. Zeigen sie, was die Kunden sehen wollen? Führen sie
kaufwillige Besucher sicher ans Ziel ihrer Wünsche? Machen sie ihnen den Aufenthalt auf der Site so angenehm wie möglich?
Mehr als die Hälfte der der begutachteten Websites, so heißt es dann, ist den strengen Maßstäben der Dortmunder
Wissenschaftler nicht gerecht geworden. Also, nix wie hin, dort kann man etwas lernen.
Und so beginnt eine denkwürdige Surftour. Doch ich will nicht undankbar sein, ich habe eine Menge gelernt. Wer Musterseiten
dafür sucht, wie man es nicht machen soll, wird von den Dortmunder Spezialisten umfassend bedient. Oder sollten die
vielleicht absichtlich...?
Lektion 1: Die Eingangsseite.
Sie präsentiert eine launige Begrüßung und eine Handvoll Links. Die sind aus der Lameng über die Seite gestreut: jedes eine
andere Schriftgröße, einen anderen Charakter, eine andere grafische Aufmachung. Das sieht lustig aus und stimmt den Besucher
fröhlich - zumindest solange, bis er entdeckt, dass hinter allen Links mehr oder weniger das gleiche kommt.
Lektion 2: Das Menü
Der Content eines Webangebotes wird praktischwerweise durch ein reichhaltiges Menu erschlossen. Das ist auch auf profnet.de
so, oder zumindest so ähnlich. Damit die Besucher - vermutlich in der Hauptsache Professoren - auch finden, was sie suchen,
geht man auf www.profnet.de/im/start.html redundant vor: Wenn im Menü also auf eine FAQ verwiesen wird, tut man gut daran,
auch im Haupttext der Seite, wo unverbildete Gemüter den Content suchen könnten, ebenfalls noch einmal in großer Schrift auf
die FAQ zu verlinken. Auch den Kontakt zum Wissenschaftlichen Direktor Prof. Dr. Uwe Kamenz gibt's doppelt - genauer
genommen sogar dreifach (richtig, hinter dem Photo liegt ein Link), sicher ist sicher. Aber dafür kommt man unter
"Presseecho" ganz woanders hin, als wenn man auf der Eingangseite "Presse" anklickt. Nur content gibt's auf der Seite noch
nicht - bitte klicken sie weiter.
Lektion 3: Der Content
Wie richtiger Content aussieht, lernen wir unter "aktuell" - von der Institutsseite her angesteuert. Dort überraschen uns
noch im Februar Verweise auf eine Sammlung von Adventskalendern und zwei antiquarische Beiträge aus Wirtschaftswoche und
"Capital". Verweise? Links, die die Kostbarkeiten heranholen könnten, sind weit und breit nicht (mehr?) zu sehen. Links satt
gibt es zur Entschädigung dann unter den Menupunkten "Best-of" und "Links" - sofern man die Geduld aufbringt, zu warten,
bis die Liste "Links" geladen ist. Auch mit ISDN dauert es schon ein Weilchen, bis die satten 811 K durch den Draht sind und
man die Endlostabelle in ihrer ganzen Pracht bewundern kann: Sie enthält über 1000 alphabetische geordnete Namen von Firmen
und Institutionen, die jeder überall finden kann und keiner dort sucht.
Eine Linkliste, wie sie das Netz braucht (Ausschnitt aus der 811 k großen Tabelle)
Lektion 4. Die Navigation
Navigation hat bekanntlich etwas mit Seefahrt zu tun, und wirklich fühlt man sich angesichts der Navigation von profnet
gelegentlich wie auf hoher See. Auf der Institutsseite und unter Presse finden sich zwei grafisch und textlich
übereinstimmende Menupunkte "Suche" und "Datenbank". Auf der einen Seite führen sie, was ja irgendwie logisch ist, zu den
Stellenanzeigen (Suche) und zu einer alphabetisch nach Autoren geordneten Liste (Datenbank) von Büchern, die irgendetwas mit
Business und Internet zu tun haben - ca. 600 Positionen. In der Presseabteilung führen die gleichen Links zu ansonsten
leeren Seiten, auf denen für die Zukunft eine interne Suchmaschine und ein Datenbankzugriff in Aussicht gestellt werden.
Unter "Hilfe" findet sich, wenigstens in beiden Bereichen gleich irreführend, das Impressum. Ich lerne: Schlechte
Navigation verursacht auch im Web Seekrankheit. Mann, wird mir übel.
Lektion 5: Die Frames
Unter dem Menupunkt "aktuell" kommen - aber nur, wenn man über "Presse" dorthin gelangt ist - die "Lesezeichen für Uwe
Kamenz". Inhaltlicher Schwerpunkt: Weihnachtliches in Raum und Zeit. Wieder eine Liste von Links, wieder ellenlang, aber die
Links führen nicht etwa auf die gebookmarkten Seiten - skrupellos greifen sich die Dortmunder Internetspezialisten den
fremden Content und stellen ihn, im viel zu engen eigenen Frame eingezwängt, frech als Beute zur Schau.
Lektion 6: "Die Grafiken: Wie man im Browser skaliert" und
Lektion 7: "Typographie: Wie man den Holzhammer einsetzt"
entfallen, da der Rezensent seine Seekrankheit noch nicht überwunden hat.
Nicht entfallen allerdings kann
Lektion 8: Die Chuzpe
Der Wissenschaftliche Direktor Prof. Dr. Uwe Kamenz ist ausweislich seines Vortragskalenders ein fleißiger Redner auf
Veranstaltungen von Leuten, die Nachhilfe in Sachen Internet benötigen. Profnet produziert in großen Mengen Studien zum
e-commerce (Stückpreis bis DM 1000) und bietet für DM 2800 auch individuelle Checkups für die Verbesserung von
Internet-Auftritten an. Schade, dass man nicht sehen kann, wer bisher schon das Internet-Checkup-Gütesiegel von Profnet
bekommen hat: Das sinnvollerweise in Javascript realisierte Link zur entsprechenden Seite funktioniert nicht.
Was man verstehen muss, denn so vielbeschäftigte Leute können sich wirklich nicht auch noch um den eigenen Webauftritt
kümmern. "Frage.: Wann entspricht Ihre Website Ihren eigenen Vorstellungen eines kundenorientierten Internetauftritts?"
kokettiert denn auch der letzte Punkt in der FAQ mit dem eigenen Defizit und antwortet: "Sobald wir eine Webagentur gefunden
haben, die das vorliegende Konzept ... bezahlbar umsetzt. Da wir keine Webagentur sind und auch keine Webdesigner in unseren
Reihen haben, müssen wir diese Leistung ganz normal am Markt einkaufen. Die bisherigen Angebote liegen in der Regel um
100.000 DM."
Soso, die Netprofs haben keinen Webdesigner in ihren Reihen. Und wahrscheinlich haben sie bei der Erarbeitung Ihrer
Kriterien zur Beurteilung von kommerziellen Webauftritten auch nie einen kennengelernt, richtig?
Schon wahr: Um die im Menu (Variante Presse) in Aussicht gestellten Features einzubinden, müsste man ein bisschen was
anlegen. Aber für das, was da ist? Und erst recht, wenn man weglässt, was nicht hingehört? Liebes Profnet, der Sohn von
meiner Frau ihrer Friseurin, der kann Internet und hat ein Frontpädsch. Der macht Ihnen das an einem Wochenende, ganz toll,
sag ich Ihnen, ist ja so begabt, der Bub. Und er braucht noch dreihundert Mark für seine neue Grafikkarte. Also, da kommen
Sie sicher ins Geschäft, von Prof zu Profi, sozusagen.
Michael Charlier

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