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Saturn-Intro

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Mit der Maus auf Jagd bei Saturn.de:

Hasch mich, ich bin das Menü.

Der Verdacht, daß Navigation - zumindest in bestimmten Fällen - seekrank macht, findet bei einem Blick auf www.saturn.de neue Nahrung. Saturn ist das, woran Sie denken: Das Technik-Kaufhaus mit Filialen in 60 oder mehr Städten in Deutschland, zweimal in der Woche blau-schwarze Werbebeilage in der Tageszeitung Ihrer Wahl. Computer und Internet gibt es da auch, und irgendwo Spezialisten, die sich einen Webauftritt ausgedacht haben, daß es einen vom Stuhl reißt. Also, das Link oben war absichtlich nicht aktiv, damit Sie sich vor Aufruf des Browsers anschnallen können - so vorgewarnt, erreichen sie den Tatort mit Klick zu Saturn.dehier - aber bitte, tun Sie das nur, wenn Sie gestern abend nicht zulange gesumpft haben und auch sonst keine Neigung zu Schwindelanfällen, Übelkeit oder Erbrechen verspüren.
 
Erst mal sehen Sie nix, dann lesen Sie ein Dutzend mal, daß was geladen wird, und dann geht der Tanz los. Auftritt ein horizontales Laufband am unteren Browserrand - da flitzen die Attraktionen des Angebots vorbei. Mal linksdrehend, wenn man sich von unten her heranschleicht, mal rechtsdrehend, nämlich wenn der Cursor sich bei zufällig mal stehendem Laufband selbigem von oben nähert. Je nachdem, wie man die Maus führt, beschleunigt das Laufband dann oder es bremst ab. Oder es ändert die Richtung, weiß der Geier, was wann und warum. Inzwischen hat sich am oberen Rand des Browserfensters das Hauptmenü eingependelt. Genau genommen hört es nie zu pendeln auf, wenigstens dann nicht, wenn Ihr Equipment den Anforderungen der Site gewachsen ist: Mit kunstvollen Programmiertricks haben die Seitenbauer es fertiggebracht, daß, jeder Menupunkt sich unabhängig von den anderen bewegen kann - bis es titschititschi mach, dann prallt er ab und wechselt die Richtung. Bis es wieder titschititschi macht. Wer das Web mit eingeschaltetem Sound bereist, weiß es natürlich besser: In Wirklichkeit macht es "blurb".

Vorsichtig anschleichen...

Wenn Sie sich dann immer noch nicht fühlen wie auf hoher See, können Sie die Navigation fortsetzen, indem Sie sich - vorsichtig, vorsichtig - an einen der vazierenden Menupunkte heranschleichen. Haben Sie einen getroffen, ziehen sich die anderen diskret nach oben zurück, um Platz für das seitlich aufklappende Submenu zu schaffen. Das bewegt sich zwar weiter und schiebt gerade den Punkt aus dem Bildschirm, den man ansteuern möchte, aber der kommt ja wieder. Also warten, auflauern, ranschleichen - zack, verschwindet das Submenu. Tilt, Timeout. Beim zweiten Anlauf ist es mir aber doch gelungen das Impressum einzufangen. Und tatsächlich, es verrät die Macher des Machwerks: Die Agentur Redblue in München, Hoflieferant von Metro-Saturn, leider des öfteren mal nicht erreichbar - wahrscheinlich sind sie dort alle gelegentlich mal seekrank.
 
Mir geht es inzwischen etwas besser: Nachdem ich den Brand-Agent aufgerufen habe (Seitenadresse gibts nicht, wg. HighTec), stürzen die Wandermenus ab und bleiben leblos auf der Strecke. Dafür bringt mich jetzt der Agent auf die Palme: Über einen komplizierten und in sich wieder animierten Suchbaum führt er mich zum Inhalt: In der Kategorie "Elektro", Warengruppe "Waschvollautomat" sind das gerade mal zwei Modelle; bei "Computer" - "PC" umfaßt die Palette immerhin schon drei Typen. Jeder, der Saturn schon mal besucht hat, weiß, daß sie deutlich mehr zu bieten haben - aber das seekranke Layout war wohl damit überfordert, neben der Hightec-Navigation auch noch Content zu transportieren.

...tatsächlich? Geduld müssen Sie schon mitbringen...

Aber als Abenteuerspiel ist die Seite nicht schlecht: Finden Sie auf dunkelblauem Hintergrund den nicht ganz so dunkelblau gestylten Hinweis auf den Merkzettel, ergründen sie das Geheimnis des als Java-Applet ausgeführten Preisagenten, lösen Sie das Rätsel aller Rätsel: Gibt es eine Möglichkeit zur Online Bestellung?

Zielgruppe?

Bleiben zwei Fragen offen: An wen um alles in der Welt richtet sich diese Seite? Und wie um Himmels willen kommt ein nüchtern kalkulierendes Kaufhaus darauf, sich im Internet so zum Affen zu machen?
 
Saturn ist zwar ein Branchenspezialist: Elektro-Phono-Foto, aber als solcher jedenfalls nicht auf eine eindeutige Zielgruppe festgelegt. Da kaufen Kids die neuesten Conmputerspiele, junge Erwachsene die hundertste DVD oder die erste Waschmaschine, Rentner den, wie sie hoffen, letzten Kühlschrank, und hinter den Handys sind eh alle her. Keiner Gruppe hat diese Site etwas besonderes zu bieten; Jugendliche, die erfahrungsgemäß noch die besten Nerven und die meiste Zeit haben, sich abenteuerlichen Navigationen anzuvertrauen, können nicht damit rechnen, dort etwa einen Überblick über die aktuellen TopTen oder einen Querschnitt durch das CD-Sortiment vorzufinden. Der Informationsgehalt der Site liegt knapp über Null, und eine nahezu unleserliche Informationsseite über das bereits angejahrte Spiel "Diablo II" macht den Kohl auch nicht fett.
 
Wozu also das ganze? Denn billig sind solche Flash-Orgien nicht, das Preisschild für diesen Auftritt zeigt sicher einen kleinen sechstelligen Betrag. Wie kriegt man ein Unternehmen dazu, soviel Geld aus dem Fenster zu werfen? Ich möchte zu gerne mal Mäuschen spielen, wenn die ihre Weblogs auswerten, - falls sie die auswerten. Die wahrscheinlichste Antwort ist wohl die, daß in der Chefetage von Saturn niemand eine Vorstellung davon hat, was das Internet für eine Maschine ist und was man damit anstellen kann. Man zeigt ihnen bunt - sie sagen "ohh". Man zeigt ihnen Flash - sie staunen "ah". Man dropt ein paar Buzzwords: "Flash", "interactivity", "worldwide audience" - und schon zücken sie das Scheckbuch. "Es bleibt ja eh in der Familie".
 
Die eigentliche Werbung machen ja ohnehin die Zeitungsbeilagen, nicht von Redblue, sondern in Blauschwarz. Und im Internet ist man, weil alle da sind. Oder so.

Michael Charlier


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