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Sieg der Einfachheit - Jakob Nielsen's Webdesign
Cyberpiraten.de
Laudatio und Kritik nach Jakob Nielsen
Das Ärgerliche an Seiten wie den Cyberpirates ist nicht, daß sie überhaupt ins Netz gestellt. werden. Niemand zwingt einen Surfer, sich den minutenlangen Download anzutun und einen filmreifen Vorspann über sich ergehen zu lassen - um dann schließlich mit einem harmlosen Ballerspielchen belohnt zu werden, das auf dem Stand der PC-technik von vor 10-Jahren ist. Mehr "Interaktivität" ist halt derzeit über das Netz nicht zu transportieren - das sollte man schon wissen, bevor man anfängt.
Auch der Umstand, daß die Entwickler der Site tief in die Trickkiste gegriffen haben, um schließlich zweieinhalb Fenster auf dem Bildschirm zu haben, in denen jeweils eine andere Action läuft, während im Lautsprecher der Sound dröhnt, ist nicht per se verwerflich. Die Site richtet sich an jugendliche Surfboarder und Rapper, und wenn die das mögen, dann ist das voll in Ordnung - gang egal, was Nielsen oder sonstwer davon hält. Die Chancen stehen gar nicht schlecht, daß die Adresse der cyberpirates auf den Schulhöfen weitergereicht und von Cliquen zum Mittelpunkt nachmittäglicher Ausflüge ins Web gemacht wird - so gewinnt man unbezahlt Werber und Propagandisten.
Vielleicht. Gewinnt man so auch Käufer?
So gefragt, erscheint es schon problematisch, daß es nach Betätigung des Buttons "Katalog" noch endlos dauert, bis man die ersten 6 coolen T-Shirts auf dem Bildschirm hat. Wollen die Kids wirklich so lange warten - oder haben sie sich schon satt gesehen an dem, was da in den Fenstern nebenan an optischen Reizen angeboten wird? Kommen sie überhaupt dazu, die in schickem Mittelgrau auf Schwarz angebotenen Preisauszeichnungen zu lesen? Stimmt die Annahme der Designer, daß man die Zielgruppe nur optisch und akustisch zudröhnen muß, damit der Mausfinger letztlich auf "zur Bestellung" (ebenfalls mittelgrau auf schwarz) klickt?
"The proof of the pudding is in the eating" wissen die Amerikaner, und wenn die Site in einem Jahr immer noch im Netz ist, können wir vermuten, daß die Cyberpirates zumindest das Geld eingespielt haben, das die Overlock Textil Gmbh in Heusenstamm in die Produktion investiert hat. Ist sie dann verschwunden, war es sicher ein Schlag ins Wasser, soll öfter vorkommen und interessiert einen Webwriter nicht für 5 Pfennige.
Was ihn, und sie, und jeden Seitenbauer dagegen brennend interessiert, ist die Antwort auf ein paar andere Fragen: Wie um Himmels willen kommt es dazu, daß ein solcher Auftritt, der bestenfalls die Sehgewohnheiten einer sehr speziellen Zielgruppe trifft, vom Design-Zentrum NRW einen Preis als mustergültiges Webdesign erhält? Was bringt den Leiter des Zentrums, Prof. Peter Zec, dazu zu behaupten: "Noch vor Jahren hat man die Web-Designer gescholten, weil sie nicht wußten, wie man mit den neuen Medien umgehen soll". Heute zeige die Agentur Scholz und Volkmer mit Bravour, was man machen könne.
Als ob das, was man machen kann, auch immer das wäre, was man machen soll. Als ob es im Netz im Allgemeinen und im E-Commerce im Besonderen nur darauf ankäme, potentielle Kunden mit optischem Klamauk zu blenden. Als ob Cyberpirates ein Beispiel dafür sein könnte, wie man mit dem Web umgehen soll.
Dann doch lieber Nielsen.
Michael Charlier, 12/2000

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