Das Webwriting-Magazin

- Über das Publizieren im Web -

Direkt zum Artikel

 

www.webwriting-magazin.de

Newsletter Forum Kontakt
» Alternativversion 

Die Alternativversion ist verlustlos druckbar, voll navigierbar und macht das gesamte Dokument auch dann zugänglich, wenn Ihr Browser das Layout nicht darstellen kann.

Dieser Link führt zur Normalversion zurück

Michael Charlier:

Wenn Webpublisher ihre Seiten selbst pflegen wollen

Contribute macht es leicht - in leichteren Fällen

Im November dieses Jahres gab es weltweit 13 524 Content-Management-Systeme, 1544 davon werden in Deutschland entwickelt und eingesetzt. Diese Zahlen wurden auf wissenschaftlich völlig unangreifbare Weise ermittelt: Sie sind frei erfunden. Aber jeder Sachkenner wird mir rechtgeben, daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach nahe an der Realität sind. Was das Zahlenspiel soll? Es illustriert, daß unter Web-Publishern vom Handwerksbetrieb bis zum Web-Poeten eine enorme Nachfrage nach CMS besteht, daß auch viele Entwickler bereit sind, diese Nachfrage zu bedienen - und daß anscheinend die weitaus meisten jemals gebauten CMS außerhalb des Einsatzbereiches, für den sie entwickelt wurden, kaum zu verwenden sind.

Allerdings: Die Situation ist nicht für alle Bereiche gleich schlecht. Im High-End-Sektor - das ist der mit den 6- bis 7-stelligen Preisschildern - konnten sich einige Produkte erfolgreich auf dem Markt etablieren. Große Verlage oder Intranet-Redaktionen koordinieren damit erfolgreich die Produktion, Workflow und Online-Stellung einer großen Zahl von Dokumenten. Am anderen Ende des Spektrums finden sich die Blog-Systeme, die für viele "Special-Interest" Gemeinschaften eine ideale Publikationsplattform bieten. Die meisten stammen aus dem Open Source-Bereich, sind daher extrem kostengünstig, erfordern aber für Installation und Administration einige Fachkenntnis.

Wenn man ein solches System nicht nach den mitgelieferten Templates als Blog mit mehr oder weniger einheitlichem Erscheinungsbild, sondern als "kleines CMS" verwenden will, kann jedoch sehr viel Fachkenntnis erforderlich werden. Obwohl sie im Prinzip alles enthalten, was dazu gebraucht würde, sind diese Systeme für die Verwaltung bereits bestehender Websites praktisch nicht zu verwenden. Eine weitere Schwäche besteht darin, daß sie nur in den seltensten Fällen imstande sind, standardkonformes (X)HTML auszugeben. Dementsprechend schwach sind ihre Leistungen, wenn es um Accessibility geht.

Das ist insofern sehr schade, weil viele Betreiber kleinerer privater oder kommerzieller Webauftritte händeringend nach einem CMS suchen, mit dem sie die Pflege ihrer Seiten erleichtern bzw. auch als Nicht-Webspezialisten selbst übernehmen können. Wir wissen das nicht nur, weil in den Web-Worker-Listen viel über dieses Thema geschrieben wird, sondern weil wir auch selbst für das Webwriting-Magzin nach einem geeigneten System suchen. Unsere Suche scheiterte bislang daran, daß die "kleinen" Systeme entweder keinen standardkonformen Code produzieren, oder auf Tabellenlayout bestehen, oder auch daran, daß wir uns die erforderlichen PHP- oder Perl-Kenntnisse einfach nicht zutrauen.

Aktualisierung bestehender Websites für um die 100 Euro

Screenshot Contribute

So sieht das Polizeiportal NRW in Contribute aus. Nicht gerade pixelgenau, aber gut genug zum Editieren für jedermann. Und hier das ganze im Großformat

Für einige potentielle Anwender eines "kleinen" CMS bietet möglicherweise Macromedias gerade in der zweiten Version erschienenes Aktualisierungssystem Contribute genau das, was sie suchen. Der Hersteller selbst drückt sich zwar um eine genaue Begriffsbestimmung, auf den ersten Blick scheint "Aktualisierungssystem" genau das zu beschreiben, was dieses Produkt kann. Contribute setzte eine bestehenden Website voraus. Dabei sind mit Macromedias Dreamweaver erstellte Seiten zwar im Vorteil, aber im Prinzip kann alles, was als HTML im Web steht, auch mit Contribute weitergepflegt werden - wenigstens soweit keine Datenbank ins Spiel kommt. Dabei beläßt das Programm Tagsoup als Tagsoup und valides HTML bleibt valides HTML - ein entscheidender Vorteil für alle, die sich an Standards orientieren wollen. Das Volumen der mit einem einzelnen Contribute-Account zu pflegenden Seiten sollte allerdings nicht zu groß sein, weil Contribute prinzipiell offline arbeitet und anscheinend bei jeder Arbeitssitzung erst einmal die gesamte Site auf die lokale Festplatte holt. Nach getaner Arbeit werden dann nicht nur die geänderten Dateien, sondern auch frühere Stände zur Sicherung wieder auf den Server zurückgespielt.

Für einen kleinen Firmenauftritt ist dieses Verfahren durchaus geeignet, und in einem großen Web/Intranet lassen sich "Sub-Accounts" mit speziellen Zugriffsbereichen und -rechten einrichten, so daß verschiedene Mitarbeiter verschiedene Bereiche mit jeweils kleinerem Umfang pflegen können. Ansonsten sind weder Workflows noch Freigabe-Mechanismen, Terminverwaltung oder ähnliche Features vorhanden - Contribute ist definitiv kein voll ausgebautes CMS oder gar Redaktionssystem, und das ist bei einem Preis um die 100 € pro Arbeitsplatz auch kaum zu verlangen.

Der Vorteil des Aktualisierungssystems liegt in meinen Augen darin, daß es dem Content-Owner die Pflege seiner Site ermöglicht - auch wenn er kaum Ahnung von HTML hat. Und gleichzeitig kann das System so eingerichtet werden, daß der Gelegenheits-Redakteur nichts Lebenswichtiges kaputt machen kann.

Editieren und doch nichts kaputt machen

In der Sicht des Anwenders erscheint Contribute zunächst als Webbrowser mit einem "Edit"-Button. Wenn der Anwender den betätigt (Contribute muß natürlich korrekt vorkonfiguriert sein), beginnt das System damit, sich die zur Seite gehörenden Dateien vom Server herunterzuladen - dort werden sie dann für andere Anwender gesperrt. Anschließend verändert sich die Browser-Sicht und wird zu einem nahezu WYSIWYG-Editor. In der Grundeinstellung könnte der Anwender nun auf dieser Seite alles Mögliche unternehmen - es wird ein guter Teil der Grundfunktionalität von Dreamweaver angeboten. Aber ein sachverständiger Administrator kann hier sehr enge Grenzen ziehen.

Zum einen lassen sich auf jeder Seite beliebige Bereiche im HTML für jede Veränderung sperren - im Extremfall bleibt dann eben nur noch die News-Spalte editierbar. Außerdem kann der Editor so konfiguriert werden, daß der Aktualisierer auch nicht mehr an die Styles und andere Tools herankommt - er kann dann nicht mehr viel anderes machen, als bestehende Inhalte auswechseln oder ganz löschen. Außerdem kann er nach vorgegebenen Templates neue Seiten erzeugen, mit neuem Inhalt (auch Bildern) befüllen und diese Seiten dann z.B. mit dem berüchtigten "mehr..." In der Newsspalte anlinken. Was er nicht mehr kann, oder doch nur unter Einsatz beträchtlicher krimineller Energie, ist, das Layout einer Seite total zu zerstören oder die Hauptnavigation ins Nirvana linken zu lassen. Die Konfiguration von Contribute beim Anwender kann ein Administrator übrigens komplett über das Netz besorgen - es ist also kein besuch bei einem möglicherweise weit weg sitzenden Kunden erforderlich.

Die leichte Bedienbarkeit für den Content-Pfleger ist sicher der große Pluspunkt von Contribute. Dem Administrator wird da schon mehr abverlangt. Die Konfiguration - vor allem wenn differenzierte Zugangsrechte ins Spiel kommen - ist nicht ganz einfach, und auch die Erzeugung von Templates bzw. die Bestimmung von nicht-editierbaren Bereichen ergibt sich nicht gerade im Selbstlauf. Auch dann nicht, wenn man dazu Macromedias Dreamweaver einsetzt. Wenn man die wenigen Marken kennt, die dazu erforderlich sind, geht es übrigens auch ohne Dreamweaver - vorausgesetzt, man hat es bei der Vorlage mit einem klar strukturierten HTML zu tun. CSS-Designs sind hier ganz klar im Vorteil. Ob und wie man bei einem "strukturlos" verschachtelten Tabellenlayout einzelne Inhaltsbereiche für die Bearbeitung offenhalten und den ganzen Rest sperren kann, will ich mir lieber gar nicht vorstellen.

Als besonderen Bonbon für die, die solche Leckerbissen zu schätzen wisen, hat Macromedia neben manchem anderen auch "FlashPaper" in Contribute eingebaut - das stellt sich als Alternative zu PDF dar und erlaubt es, Sonderformate wie Excel oder Powerpoint für die WebDarstellung umzusetzen oder Drucksachen pixelgenau für die Web-Präsentation aufzubereiten. Nicht mein Ding, aber in bestimmten Fällen und gerade auch für den ins Auge gefassten Anwenderkreis sicher nützlich.

Für wen?

Zur Zielgruppe noch einmal ausführlicher: Contribute ist keine Software, die sich der aktualisierungswillige, aber ansonsten web-unerfahrene Seiteninhaber selbst anschaffen und einrichten sollte. Die sachgemäße Einrichtung wird ihn in den meisten Fällen überfordern. Aber Dienstleister, deren Kunden eine Website mit der Möglichkeit zur eigenhändigen Contentpflege verlangen, sind sicher gut beraten, dieses Programm als Bestandteil ihres Angebots in Betracht zu ziehen. Bei sachgemäßer Konfiguration - und noch besser, wenn die Seitenstruktur von Anfang an darauf ausgerichtet ist - können auch webferne Betreiber kleinerer bis mittlerer kommerzieller Webauftritte damit ihren Content in beträchtlichem Umfang pflegen und weiterentwickeln. Wenn die Administration alle riskanten Optionen ausschließt, dürfte dazu noch nicht einmal großer Schulungsaufwand erforderlich sein.

An zweiter Stelle bietet sich ein agenturinterner Einsatz zur Pflege von Kundenseiten an, um den Aufwand für diese vom Kunden oft unwillig bezahlte und von den meisten Agenturen auch nur unwillig erbrachte Dienstleistung deutlich zu reduzieren. Auch hier können - entsprechende Konfiguration und Einrichtung vorausgesetzt - kurz eingewiesene Hilfskräfte eingesetzt werden. Für Webpublisher, die tatsächlich nicht mehr benötigen als ein System zur einfachen und relativ mühelosen Aktualisierung eines professionell entwickelten und zunächst auch betreuten Webauftritts, lohnt Contribute allemal eine nähere Evaluierung.

© Claudia Klinger +
Michael Charlier
Alle Rechte bei den Autoren