Nach dem "Stern" im Dezember ist im März die österreichische Tageszeitung "Kurier " mit einem tabellenfreien Redesign online gegangen. Ähnlich wie der "Stern" in Deutschland gehört der "Kurier" in Österreich online wie offline zu den großen Drei der Presselandschaft (Druckauflage werktags 250 000) . Und ebenso wie www.stern.de ist http: //kurier.at der erste Teil einer umfangreicheren Weblandschaft, die vom Entwicklerteam der jeweiligen Verlagsgruppe standardnah umgebaut wird. Wir sprachen mit Thomas Jöchler, der das Redesign vom Planungsbeginn im Mai 2002 bis heute als Projektleiter verantwortet hat und weiterhin verantwortet.
Schon einleitend verweist Jöchler auf einen gravierenden Unterschied zwischen der Situation in Hamburg und der in Wien: Da die Zahl der Besucher von kurier.at niedriger ist als von stern-online.de, spielen die in Hamburg so wichtigen Fragen der Trafficreduzierung und Serverkapazität in Wien nicht die entscheidende Rolle. Als das Projekt vor fast einem Jahr gestartet wurde, standen vielmehr folgende Vorgaben im Mittelpunkt:
"Von Standards und CSS-Design war zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede", erläutert Jöchler. "Es ging zunächst darum, den 'historisch gewachsenen' und dabei unübersichtlich gewordenen Code in herkömmlicher Technik zu bereinigen und die Einbindung in das CMS zu verbessern." Bis Ende September wurde ein Prototyp erstellt, ohne Frames und Spacer, aber noch in Tabellenbauweise. Daß es damit auf Dauer nicht getan sein würde, zeigte sich im November letzten Jahres anläßlich der Nationalratswahl: Die Redaktion hatte beschlossen, mit einem großen Bild des Wahlgewinners aufzumachen - aber die bestehende Tabellenstruktur sträubte sich, diesen Beschluss wie gewünscht umsetzen zu lassen.
"Das starre Gerüst ließ uns einfach nicht die Flexibilität, die wir für die Arbeit unter redaktionstypischem Zeitdruck brauchten", kommentiert Jöchler, "und deshalb haben wir geprüft, ob wir ohne Tabellen und mit klarer Trennung von Content und Layout nicht besser zurechtkämen." Das Ergebnis der Evaluation war positiv, und das Projekt wurde kurzfristig auf CSS-Design umgestellt. Ob das nicht etwas riskant gewesen sei, wollen wir wissen. "Nicht wirklich" meint der Projektleiter. „Wir haben das ganze Redesign mit unserer eigenen Mannschaft durchgeführt, das ist ein gut eingespieltes Team. Da wir schon vorher CSS zur Formatierung eingesetzt hatten, war das grundlegende Knowhow bereits vorhanden. Was an Kenntnissen noch fehlte, haben wir in zwei bis drei Wochen mit Literaturstudium und Übungen nachgeholt - und zwar ohne dafür alles andere aus der Hand legen zu müssen. Unter diesen Umständen hat uns die Umstellung auf CSS also zeitlich - und damit auch finanziell - nicht unerträglich belastet."
Durchaus hilfreich dabei war, daß die Geschäftsführung keine Einwände dagegen hatte, den Besuchern mit NN4 nur den Content, aber kein Layout auszuliefern. Ebenso wie beim Stern liegt der Anteil der NN4-User beim Kurier heute nur noch zwischen 1 und 2 Prozent . "Die Berücksichtigung von NN4 hat früher oft erhebliche Zusatzarbeit für Parallel-Coding verlangt" meint Thomas Jöchler. "Daß wir diesmal darauf verzichten konnten, hat uns eine deutliche Zeitersparnis und einen entsprechenden Kostenvorteil gebracht."
So konnte das Projekt innerhalb weniger Wochen auf neuer Grundlage produktionsreif gemacht und Mitte März ohne Layouttabellen online gestellt werden. "Die ersten Reaktionen unserer Besucher waren sehr postitiv", sagt Jöchler, "auch die Kollegen am Redaktionssystem kommen mit den neuen Templates und den etwas veränderten Abläufen gut zurecht." Beschwerden aus den Reihen der NN4-Anwender gibt es so gut wie nicht, allerdings wird noch Kritik an der Zugänglichkeit geäußert. "Daran arbeiten wir noch", versichert Thomas Jöchler. "Wir sind sicher, eine praktikable Lösung anbieten zu können, auch wenn der Umfang und die Rigidität der offiziellen Checklisten ziemlich abschreckend wirken."
Seine Erfahrungen aus dem Projekt faßt Thomas Jöchler in drei Punkten zusammen:
© Claudia Klinger +
Michael Charlier
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