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Claudia Klinger

Online-Kurse, die in Bewegung versetzen:
Erste Erfahrungen

Nicht mehr nur für Bücher, Programme und CDs wird im Internet Geld ausgegeben: es steigt auch die Bereitschaft, das Medium zur Weiterbildung zu nutzen, das Angebot an Online-Kursen, Workshops und Coaching-Dienstleistungen wächst dementsprechend stetig.

Die übergroße Mehrheit dieser Kurse bietet den netzgestützten Erwerb direkt im Berufsleben einsetzbarer Kenntnisse und Fähigkeiten: Webseiten erstellen mit Dreamweaver, Umgang mit Online-Shops, Bildbearbeitung, Marketing, PR und vieles mehr. Würde auch ein "weicheres" Angebot auf der Grenze zwischen Weiterbildung und Selbstverwirklichung ankommen? Ein Kurs, in dem es darum geht, ins Schreiben zu kommen - entlang an berührenden Themen rund ums persönliche Erleben? Mehr Ereignis und Erlebnis als "Durcharbeiten von Materialien"? Das waren meine Fragen, als ich es nach sieben Jahren Internet-Präsenz als Autorin und Webdesignerin anging, den Online-Kurs "Persönliches Schreiben im Netz - Webdiarys und mehr" ins Werk zu setzen. Ich wollte Kurse kreieren, die das Beste aus verschiedenen Traditionen bieten: aus den engagierten netzliterarischen Schreib-Projekten der frühen Jahre und aus unzähligen "Real-Life"-Schreibgruppen rund um das "Kreative Schreiben".

Was ich nicht wollte, war ebenfalls klar: so ein cooles, unpersönliches Durchschleusen von Teilnehmern durch vorgefertigte Materialien und Übungen, alles mit möglichst minimiertem menschlichen Aufwand. "Es muss sich rechnen", heißt es oft: und ja, auch ich achte den Euro hoch und will mit Online-Kursen Einkommen generieren. Daneben zählt aber ebenso sehr der Spassfaktor und die Freude am Tun - nicht nur für die Teilnehmer, auch für mich als Kursleiterin. Deshalb: kleine Gruppen, flexibles Programm - und das in Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Programmierer (gelobt sei rauslink Ulf Brossmann, der gute Geist von schreibimpulse.de) Menschlich und technisch ist das weit angenehmer, als sich alleine mit einem Content Management System und seinen 1000 Möglichkeiten und Einschränkungen herumschlagen zu müssen. Dass ich so die Gestaltung der Kursseiten jederzeit voll im Griff habe, war mir Grundbedingung für dieses Vorhaben. Die Reibungen und Streuverluste der Arbeitsteilung mit fremder Software riskiere ich lieber nicht.

"Persönliches Schreiben im Netz - Webdiarys und mehr" - der Titel beschreibt ein weites Feld und lässt recht offen, was konkret gemeint ist: Geht's um "besser schreiben lernen" im Netz - oder ums "Schreiben im Netz" und dessen etwaige Besonderheiten? Über das hinaus, was im Artikel "Von sich schreiben" bereits ausgeführt ist, war und ist es "Meta-Inhalt" der Schreibimpuls-Kurse, auch das Spezifische der Netzkommunikation in ihren unterschiedlichen Formen und Kanälen spielerisch bewusst zu machen: Privatmail mit ihrem bekannten "Beichtstuhl-Effekt", Mailinglisten mit ihrer Anmutung der "fortlaufenden Zusammenkunft", Webtagebücher und ihre eher intime, dialogisch wirkende "Kommentarfunktion" - inklusive verschiedener Formen von Öffentlichkeit: hier der geschützte Raum des Kurses, in dem nur die anderen Teilnehmer lesen, dort das weite Web, wo nur die im Konsens aller gewählten "Best-Of-Texte" ausgestellt werden.

Kleine Gruppen, flexibles Reagieren

Die wichtigste Vorentscheidung für einen gelingenden Online-Kurs, der auf Kommunikation setzt und nicht nur auf "Durchschleusen", ist die Teilnehmeranzahl. Die Gruppe muss klein genug sein, damit jeder die Anderen binnen kurzer Zeit im Kopf behalten kann - und zwar im besten Fall ALLE anderen. Per Email und Web bedeutet das, pro Person einen Namen, ein paar Grunddaten, persönliche Äußerungen und geschriebene Übungstexte miteinander zu einer Gestalt verbinden. Aus verstreuten Daten muss "Jemand" werden - gar nicht so einfach angesichts dessen, was wir uns heute so alles merken müssen, um unser "reales Leben" zu bestehen.

Wie viele Personen sind "merkbar"? Das ist von Mensch zu Mensch verschieden, es hängt von der je eigenen Gedächtnisleistung ab und von der absoluten Menge an Informationen, die jede/r so täglich umwälzen muss. Aber auch davon, ob etwas Interessantes passiert, ob man sich berührt, motiviert, angesprochen, aufgeregt oder angeödet fühlt. Ja, angesprochen! Gespräche müssen möglich sein - und die laufen umso besser, je "übersichtlicher" die Gruppe der Mitschreibenden ist. Allerdings gibt es auch nach unten hin eine Grenze, ab der das Empfinden, Teil einer Gruppe zu sein, nicht aufrecht erhalten werden kann. Nicht, wenn man den kommunikativen Einsatz eines jeden im stressfreien "grünen Bereich" ansiedeln will.

Die ersten Kurse neigen sich nun dem Ende zu und ich kann von den gemachten Erfahrungen berichten. Insgesamt ist es besser gelaufen, als ich vermutet hatte: Je zehn Teilnehmer/innen schreiben, kommunizieren, erforschen die Tiefen und Höhen, die ich mittels der "Schreibimpulse" anbiete (bzw. Wolf Schneider im Kurs B) - UND es gelingt sogar, die immer mal wieder auftretenden Technik-Themen, die online einfach unvermeidlich sind, ganz klein und am Rande zu halten.

Transfer 2004

Zeit und Raum, innen und außen

Bemerkenswert ist, dass sich die meisten Teilnehmer/innen persönlich sehr viel tiefer einlassen und zeigen, als ich es von "wildfremden Menschen" aus dem "freien Netz" sonst kenne. Das "Frei-fluktuierende" üblicher Netzkontakte in Mailinglisten und Foren kann seine limitierenden Wirkungen nicht entfalten: Der feste Raum, die klar begrenzte Zeit, die Tatsache, dass es "Eintritt" kostet - all das schließt Gelegenheits-Gäste, Lurker, Schnupperer, Voyeure, Fakes und Nicks in ihren 1000 Gestalten effektiv aus. Wer dabei ist, will etwas für sich und ist bereit, dafür auch den Einsatz zu bringen, den es kostet: Zeit, Geld, Herzblut. Die Gruppenhomepage mit Fotos, Basisdaten und den persönlichen Interessen der Mitschreibenden ermöglicht es, relativ schnell eine innere Vorstellung von den Anderen zu "speichern". Niemand bleibt anonym, alle schreiben "mit offenem Visier", was ganz selbstverständlich einen freundlich-sensiblen Umgang miteinander mit sich bringt. Auch die Texte sind dadurch um etliche Dimensionen bereichert. Das Lesen macht mehr Spaß, wenn der Mensch, der da etwas erlebt und beschreibt, als konkretes, aktuell ansprechbares Gegenüber "da" ist. Das gilt auch da, wo Texte entstehen, die als "Schreiberisches Highlight" jedes Recht haben, für sich alleine zu stehen und als solches bewundert zu werden (ich staune, was da so alles entsteht!).

Online ist vieles leichter, eines schwerer

Noch immer wird - vor allem von Einsteigern - über die Netzkommunikation gern als "Mangelsituation" gesprochen, also z.B. über das Fehlen der Botschaften, die in einer Von-Angesicht-Situation durch Mimik und Gestik, Stimme und körperlichem Ausdruck herüber kommen. Genau dieses Fehlen hat aber auch eine positive Seite, die - richtig inszeniert - zu interessanten Erfahrungen führt. Einerseits kommunizieren wir online mit Anderen, doch in leicht bewusst zu machender Weise auch mit den eigenen Projektionen - wenn das Thema dann noch "persönliches Schreiben" oder "Beruf/Berufung" heißt, also auch inhaltlich um Selbst- und Welterkenntnis kreist, ergeben sich Lernmöglichkeiten auf mehreren Ebenen gleichzeitig. In Wolf Schneiders Webforum bringt es eine Besucherin auf den Punkt:

"Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich mein Selbst schreibend besser ausdrücken kann als redend. Vielleicht weil mir keiner ins Wort fällt, ich habe soviel Zeit, wie ich will, kann jeden Gedanken genüsslich im Kopf hin und her kreisen lassen, sooft ich will auf dem Papier oder mit der Tastatur durchstreichen und neu kreieren. Keine herablassende Miene löst irgendwelche Projektionen oder spontanen Erwiderungen, die ich später bereue, in mir aus."

Dem entspricht die Erfahrung, dass die Teilnehmenden im Lauf der Kurse mutiger werden, mehr von sich zeigen und dadurch auch interessantere Texte entstehen. Und nicht nur Texte - man wird miteinander bekannt, es entstehen Gespräche am Rande der Kurse, die über die Kursinhalte hinaus gehen - in dieser Hinsicht steht ein Online-Event dem Erleben eines Offline-Workshops in nichts nach. Ja, eine so entstandene Verbindung kann evtl. sogar leichter gehalten werden, da das Kommunikationsmedium nicht gewechselt werden muss, will man den Kontakt weiter führen.

Schreibkurse im "Realen Leben" (speziell Creative-Writing-Kurse) sind dagegen in EINEM PUNKT online nicht zu schlagen: Den Moment, wenn der Text beginnt, in die Tasten zu fließen, der Schritt vom Wollen zum Machen ist online lange nicht so "fordernd" gestaltbar, wie wenn eine Gruppe um denselben Tisch sitzt und der Kursleiter sagt: "Zeit läuft - und immer die Hand in Bewegung halten...". Wer also diesen "starken Augenblick" der Gruppensituation braucht, um überhaupt erst mal loszulegen, ist mit einem Offline-Kurs zunächst besser bedient.

Als Vorteil wiederum zeigt sich die Online-Situation in Sachen Information, Quellenstudium und miteinander Bekannt-werden der Teilnehmenden. Jederzeit ist es möglich, in eigenen Texten, E-Mails und mittels Suchmaschinen auf alles zuzugreifen, was das Netz uns bietet, seien es Beispiele für Webtagebücher, Materialien zum Thema "Gedicht", oder Webseiten aus dem Netzleben der Teilnehmer. Ohne Zögern kann all dies einbezogen werden - wogegen offline oft gesagt werden muss: Ich druck es dir zum nächsten Mall aus, ich werde dir den Link schicken, schau doch mal bei...

Schreib-Events im Netz - ein Format mit Potenzial

Aus den Rückmeldungen der Teilnehmenden und aus Gesprächen mit Nicht-Teilnehmern ersehe ich ein großes Potenzial möglicher Kurse: Ich werde themen-zentrierte Kurse anbieten, z.B. zum autobiographischen Schreiben und zum "erotischen Schreiben" - noch konkreteres ist mir auch schon eingefallen, wird hier aber noch nicht verraten. Wer Lust auf einen "Schnupperkurs" hat, kann derzeit (bis 20.12.03) noch in "Transfer 2004 - den Kurs für Jahresendzeitmuffel" einsteigen. 16 heilige Nächte, die sich nicht nur zum Faulenzen und Feiern, sondern auch zum Bilanzieren und Philosophieren, zum Träumen und Visionieren hervorragend eignen. Fortlaufende Infos über künftige Kurse finden sich auf www.schreibimpulse.de.


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