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Interview mit Stefan Münz
Hypertext - eine vergessene Kunst?
Claudia Klinger: Stefan, seit wir 1996 unser letztes Interview hatten, ist
das Web aus den Kinderschuhen herausgewachsen. Unzählige Einsteiger
und Fortgeschrittene haben seitdem mit Deinem berühmten Dokument SELFHTML gelernt, im Web zu publizieren. Wenn du mal zurückdenkst: Was
hat sich für Dich als Autor und Lehrer seither am spürbarsten
verändert?
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»Die meisten neuen Texte sagen zwischen den Zeilen immer nur das eine: "jetzt komm' ich, und ich bin das einzig Wahre, was zu dem Thema gesagt wird"«
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Stefan Münz: Genaugenommen hat sich gar nicht so viel geändert. Viele Leute suchten mit ihren brandneuen Homepages im Netz vor vier, fünf Jahren das gleiche wie
jetzt: den schnellen Erfolg oder zumindest die tiefe Bewunderung der
Seitenbesucher vor ihren Programmierheldentaten - also Gier und Eitelkeit
als Hauptmotive. Und sowohl vor ein paar Jahren als auch heute war bzw. ist
es so, daß viele Leute, die von SELFHTML profitieren, das eigentliche
Anliegen der Doku verkennen - nämlich den Versuch, einen Beitrag zu dem
geistigen Schritt vom Text zum Hypertext zu leisten. Die Gemeinde der
Web-Idealisten, also derer, die in dem neuen Medium als solchem einen Wert
sehen, den sie mit eigenen Webseiten unterstützen möchten, ist aber zum
Glück nicht untergegangen. Es gab diese Gemeinde vor ein paar Jahren, und es
gibt sie auch heute noch. Der Unterschied zu "damals" ist einfach die
schiere Masse der Menschen, die passiv oder aktiv ins Web drängt - für mich
sichtbar an der Mailflut, die ich mittlerweile nur noch durch vorgefertigte,
unpersönliche Standardantworten bewältigen kann. Und natürlich das
Brimborium drumherum, angefangen von Fernsehsendern, die über das Web
berichten, bis hin zu Fachzeitschriften, die um die Gunst der
Homepagebastler wetteifern. Anfangs habe ich mich noch aufgeregt über die
vielen Versuche, das Web "von außen" zu erklären und je nach Stimmung ein
hippes Kneipenviertel oder eine totschicke Shopping-Meile daraus machen
wollen. Mittlerweile sehe ich es gelassener. Die Interpretationen des Webs
kommen und gehen. Am Ende hat im Web aber immer nur das Bestand, was
"web-gerecht" ist.
Claudia Klinger: Ja, doch was ist web-gerecht? Wenn ich mich heute umsehe, frage ich mich manchmal, ob den
Autoren und Publishern noch bewußt ist, daß Sie in einem
Hypertext-Medium agieren: überall alte Formen, Umsetzungen von
Printmagazinen und selbst originäre Online-Magazine betreiben ihr
Geschäft mittels der Methode: 1 Artikel = 1 Seite. Vernetzung minimal,
allenfalls ein Link zu einem anderen Artikel oder zur Homepage des
Verfassers. Woran liegt das? Wollen sie nicht oder können sie nicht?
Oder überfordert Hypertext den Leser derart, daß man besser bei der
traditionellen Methode bleibt?
Stefan Münz: Hypertexting erfordert ein eigenes, andersartiges redaktionelles Arbeiten.
In den meisten Redaktionen wird nur herkömmlich gearbeitet, eben so, wie du
es beschreibst. Bei der Texterstellung wird nicht berücksichtigt, was es zu
dem Thema bereits gibt im Web, der Text stellt sich selber nicht bewußt in
den Kontext der anderen Texte. Die meisten neuen Texte sagen zwischen den
Zeilen immer nur das eine: "jetzt komm ich, und ich bin das einzig Wahre,
was zu dem Thema gesagt wird". Gerade Magazine, die aus diesem
Selbstbewußtsein ihr ganzes Daseinsrecht ableiten, tun sich schwer mit
echtem Hypertext. Denn Hypertexting ist "kongeniales" Arbeiten, ein
Akzentesetzen im Bewußtsein, für ein großes Ganzes zu arbeiten, das nicht
nur auf der eigenen Domain stattfindet.
Zuviele Links irritieren
Es ist auch gar nicht die schiere Masse der Querverweise, die Hypertexting
auszeichnet. Zu viele Querverweise irritieren nur. Es ist einfach der Ton
zwischen den Zeilen, der sagt: "ich sage das, weil ich glaube, daß es so
nocht nicht gesagt wurde, und nenne auch die Links zu den Stellen, aufgrund
deren Kenntnis ich das glaube". Man könnte also sagen: Hypertext ist
transparenter Text, der Autorenversuch, das Zustandekommen des eigenen
Textes nicht zu verschleiern, sondern es offenzulegen, es einzubetten in die
Tradition und die Sphäre der vorhandenen Textwelt. Insofern würde ich auch
sagen, daß es Hypertext gewissermaßen immer schon gegeben hat - neu sind nur
die elektronischen Links, die sofort ausführbar sind und das Nachvollziehen
der bewußt gesetzten Einbettung in anderen Kontext im Augenblick des
spontanen Interesses erlauben.
Dazu muß allerdings der ganze Text elektronisch werden. Und damit haben
leider auch noch viele Leute ihre Probleme. Da feilen Web-Autoren lange an
ihren tollen Screen-Layouts herum, und am Ende ärgert sich der User nur, daß
es beim Versuch, die Seiten auszudrucken, Probleme gibt. Das Bedürfnis,
Papier in den Händen zu halten, ist einfach noch zu stark in den Köpfen
drin. Ich glaube aber nicht, daß dies eine unwiderrufliche Konstante ist.
Papier hat es nicht immer gegeben, und genauso wird es irgendwann wieder
verschwinden. Und es ist absehbar, daß das, was danach kommt, das
elektronische Medium ist. Derzeit ist das Papier in den Köpfen aber noch
eine Bremse - auch für Hypertext. Diese Gedanken waren auch Anlaß zu dem
dialogischen Artikel Elektronische Wörter und grafischer Zeitgeist.
Claudia Klinger: Als ich mit SELFHTML das Webben lernte, war es noch relativ klein -
mittlerweile ist die Version 7.0 (die es auch als Buch gibt) so
umfangreich, daß sie einen Anfänger schon fast ein wenig überfordert.
Hast du mal daran gedacht, es in zwei Teile zu trennen? Sozusagen "die
Basics" und der Rest für Fortgeschrittene?
Stefan Münz:
Das möchte ich nicht. Bei der Buchversion würde das zwar Sinn machen -
einfach weil so eine fette Schwarte Anfänger doch leicht einschüchtert. Aber
bei dem elektronischen Dokument verfolge ich den Anspruch, alles in einem zu
vereinigen. Denn dem elektronischen Dokument sieht man ja die Größe nicht
gleich an, insofern entfällt der Einschüchterungseffekt. Was ich mir dort
eher vorstellen kann, ist, verstärkt "Pfade" zu legen für verschiedene
Sorten Anwender. Wenn man so will, Metastrukturen über die vorhandene
Struktur, ähnlich wie heute schon die Rubrik "wie fange ich an" oder die
Quickbar. Das ist ja genau die Möglichkeit, die das elektronische Medium
auszeichnet.
Claudia Klinger: Was hältst du von diesem funkelnagelneuen Cyberzine? Wir unternehmen
damit den Versuch, die "Kunst des Webbens" ganz vom Inhalt her
(neudeutsch: content) zu betrachten, nicht von der Technik oder vom
Design her. Zum Glück können wir auf Werke wie Deines verweisen,
brauchen also nicht mehr bei Null anfangen - im Gegenteil: wir wollen
einen neuen Ausgangspunkt bieten, von dem aus man sich die unzähligen
"How-To"-Bücher und Seiten entlang an der eigenen Aufgabe erschließen
kann.
Stefan Münz:
Ich denke, das ist der richtige Ansatz für ein web-gerechtes "How-To"-Projekt
der dritten Generation. Es ist als neue Sedimentschicht konzipiert und nicht
als soundsovielte Web-Einführung. Im Hinblick auf das oben erwähnte
Hyptertexting ist das web-gerecht.
Claudia Klinger: Ja, ich habe lange gedacht: Es gibt doch jetzt soviel, es braucht nicht mehr. Aber seit 1 - 2 Jahren kommen Menschen ins Netz, die gerade mit diesen vielen Quellen ihre Probleme haben, Autoren, wissenschaftlich Arbeitende, Verlagsleute, Entscheider - sie wollen ihre INHALTE bringen und nicht eine Website um ihrer selbst willen verfassen. Wir hoffen, da gute Lernpfade durchs Gestrüpp legen zu können.
Zum Schluß noch eine eher gefühlige Frage: 1996 waren wir beide entzückt vom "Geist des Netzes", gegenseitige Hilfe, kostenloses Hergeben eigener Leistungen, tauschen und schenken
waren allgemein üblich. Die Stimmung war großartig. Ist davon etwas
übrig geblieben, was meinst du? Viele versuchen heute, ihren Quellcode
zu verstecken, um
Deep-Linking werden juristische Gefechte ausgetragen, praktisch alles
trägt heftige Copyright-Vermerke und auch die meisten der ehemals
kostenlos Engagierten sehen heute ganz genau hin, wenn sie kopiert
werden.
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Stefan Münz:
Ich glaube nicht, daß die Welt schlechter geworden ist, und das Web auch
nicht. Auch 1996 gab es Leute, die ihren Quelltext verbergen wollten. Und es
gab auch vereinzelt schon Leute, die gegen Web-Inhalte oder Namen im Web
klagten. Der entscheidende Unterschied zur heutigen Situation ist einfach
das Wörtchen "vereinzelt". Damals war man gewissermaßen noch unter sich.
Jetzt, wo alle in dieses Medium drängen, potenziert sich alles. Es gibt mehr
gute Inhalte im Web, aber auch mehr Ärger. Und da wir alle dazu neigen,
Ärger besonders schwer zu verdauen, kommt es uns bisweilen vor, als sei
einfach alles nur ärgerlicher geworden.
Wir sollten jetzt aber nicht in ein Veteranen-Lamento verfallen. Denn damit
verlieren wir den Faden zu denen, die sich jetzt engagieren, die jetzt tolle
Ideen haben. Wir tun besser daran, diesen Leuten zu helfen, nicht in die
Fallen einer schnellen Kommerzialisierung und Verflachung ihrer Inhalte zu
tappen. Und wir sollten auch nicht wie eifersüchtige Hennen auf unsern Eiern
sitzen. Ich habe zwar die leidvolle Erfahrung machen müssen, daß es leider
immer wieder Mitmenschen gibt, die glauben, sich einfach nur bei SELFHTML
per Copy+Paste betätigen und daraus ihre eigene Web-Anleitung basteln zu
können. Aber es hat keinen Sinn, sich gegen alles wehren zu wollen: sollen
sie doch ihren Spaß haben - mit selfhtml.de, selfxml.de, selfjava.de,
selfwml.de ... gerade wenn man heute ein erfolgreiches Projekt laufen hat im
Web, sollte man Grund zur Gelassenheit haben. Denn Gelassenheit ist gerade
das, was denjenigen fehlt, die nur den schnellen Erfolg suchen.
Claudia Klinger: Ein schönes Schlußwort! Lieber Stefan, wir danken dir recht herzlich für dieses Gespräch!
Claudia Klinger, 12/2000

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