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Claudia Klinger?

 
Vom "drin sein" - Eindrücke aus dem Alltag einer Networkerin
 
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Internet Intern: Sozialer Druck als Wachstumsmotor

Webwriting-Magazin > Netzkultur


Es wächst und wächst und wächst...

Ein paar Gedanken und Daten zur "Netz-Depression"

"In einigen Jahren wird es das Internet so nicht mehr geben", schreibt mir ein Leser, "denn sowohl die Leute, die an ein demokratisches, zensurfreies Gewebe glaubten, als auch die Kommerzbläser, die aus dem Netz Gewinn wringen wollten, stehen mit leeren Händen da."
 
Solche und ähnliche Abgesänge zum Stand der Dinge in Sachen Internet lese ich in diesen trüben Spätherbsttagen in vielen Mailinglisten, auf Diskussionsboards und - etwas "objektiver" daherkommend - auch in der Online- und Printpresse.
 
Wie aber steht es wirklich mit dem Netz? Will etwa niemand mehr mailen, surfen oder Webseiten bauen? Die öffentliche Meinung ist so launisch wie das Wetter und zur Zeit verschränkt sich der Frust altgedienter Netizens mit der Verschnupftheit enttäuschter Entscheider zum Londoner Nebel, der alles in Schwarz-Grau packt und kein Licht mehr durchläßt. Wieviel hat das mit der Realität zu tun?
 
 
Stadtspaziergänge - real und virtuell
 
Bevor ich im Frühjahr 1999 von Berlin nach Mecklenburg umzog, hatte ich noch eine Projektidee: ein Online-Magazin für eine der bekanntesten Straßen in Berlin-Kreuzberg. Doch eine kurze Netzrecherche und ein ganz realer Spaziergang ließen mich den Plan aufgeben. Zwar berichteten in diesen Zeiten alle Medien vom Internet-Boom, doch nur ganz wenige der dort ansässigen Projekte und Gewerbetreibenden hatten eine Website, auch private Homepages fand ich kaum.
 
Heute, im November 2001, findet google.de 828 Seiten in, um und über diese Straße - und unter dem angedachten Domainnamen steht zu lesen: "bergmannstrasse - onlinemagazin ... we just started working". Im Mai 2001 nach Berlin zurück gekehrt, sah ich das Netz auf einmal überall: In Schaufenstern, auf Plakaten, auf Autos und T-Shirts, auf Postkarten und in Anzeigen. Den Stadtteil, in dem ich jetzt wohne, konnte ich aufs beste per Web erforschen, denn fast jeder Laden hat eine Website - und da erfahre ich weit mehr, als wenn ich nur die Fassade von außen besichtige.
 
Such' ich eine Sauna, guck' ich ins Web. Muss ich auf die Behörde, finde ich zumindest Adresse und Öffnungszeiten - manchmal sogar schon Formulare. Will ich irgendwo hinfahren, kauf' ich mein Ticket auf bahn.de oder nutze den Routenplaner, such' ich ein Hotel, kommen nur die in Frage, die mich per Website schon mal in die Zimmer gucken lassen - und das werden immer MEHR! Hotels aber brauch' ich gar nicht oft, denn in vielen Städten hab' ich - dem Netz sei Dank! - mittlerweile Freundinnen und Freunde, die mich zum Übernachten einladen. Muß ich mal zum Arzt, such ich mir einen in fußläufiger Entfernung, klar - aber vorher schau' ich mal nach, welche Praxis im Web zu finden ist: erstmal ein bißchen Atmosphäre schnuppern. Und natürlich erforsche ich auch mein Symptom zunächst im Netz und komme gut informiert zum Arzt. Schadet nie!
 
 
Daten und Fakten
 
Depression? Mir scheint, die findet mehr als Stimmung in den Herzen und Köpfen statt als aufgrund von harten Fakten: Das Netz wächst, die Nutzung steigt - nicht etwa umgekehrt. Und nicht nur die organisatorisch "nützlichen" Anwendungen werden mehr, sondern nach wie vor erreichen mich täglich Newsletter und private Emails, die über wundervolle Aktivitäten im Reich von Kunst, Kultur und Hobby informieren.
 
Doch verlassen wir den Bereich der persönlichen Eindrücke - es könnte ja sein, daß meine (Webworker-)Sicht der Dinge aus dem Rahmen fällt und nichts aussagt über die allgemeine Lage.
 
In der jährlichen Allensbacher Computer- und Telekommunikations-Analyse (ACTA 2001) vom Oktober finden sich erstaunliche Ergebnisse. Da heißt es:

  • "Mittlerweile verfügen annähernd zwei Drittel der unter-65jährigen Bevölkerung in ihrem Haushalt über ein oder mehrere PCs. 6,62 Millionen wollen in den kommenden ein, zwei Jahren für sich persönlich einen PC anschaffen.
     
  • Die Computer in den privaten Haushalten sind zunehmend besser ausgestattet. Insbesondere Soundkarten, Scanner, Modems, CD-Brenner, CD- und DVD-Laufwerke sind auf dem Vormarsch. 10,9 Prozent der gesamten Bevöl-kerung wollen in absehbarer Zeit bereits vorhandene Geräte aufrüsten. An der Spitze der konkreten Aufrüstungspläne stehen Scanner, ISDN-Karten, Flachbildschirme und Webkameras. So planen 3,44 Millionen die Aufrüstung ihres Gerätes mit einem Scanner, knapp 2 Millionen die Aufrüstung mit einer Webkamera.
     
  • Der Kreis der Online-Nutzer hat sich in der unter-65jährigen Bevölkerung innerhalb von nur einem Jahr von 28,6 auf 40 Prozent erweitert; dies entspricht einem Anstieg von 14,65 auf 20,33 Millionen Menschen. Trotz dieses eindrucksvollen Anstiegs ist das aktuelle Potential heute größer als vor 12 Monaten: damals planten knapp 12 Prozent, sich in absehbarer Zeit einen Online-Anschluß zu verschaffen, heute gut 17 Prozent."
Statistik zur Netznutzung aus ACTA 2001

Die Entwicklung von 2000 bis 2001 sieht sogar besser aus, als die vom euphorischen Jahr 1999 bis 2000, vergleicht man mal die einzelnen Zahlen und Statistiken. Thomas Pauschert, deutscher Geschäftführer von Jupiter MMXI, einem Joint Venture von Media Metrix und den führenden europäischen Marktforschungsinstituten GfK, IPSOS u.a., sagt, ebenfalls etwas erstaunt:

"Das Internet ist für breite Bevölkerungsgruppen zu einem Begleiter im Alltag geworden. Mit einem durchschnittlichen monatlichen Wachstum von 0,35 Mio. Besuchern allein von zu Hause aus hält dieser Trend an. Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass die Menschen nach wie vor an dieses Medium glauben, es nutzen und sich trotz anhaltender negativer Schlagzeilen nicht von diesem distanzieren."
 

Menschen funktionieren nicht auf Mausklick
 
Also Entwarnung? Die ganze Net-Depression ohne echten Grund? Die Wahrheit liegt wie fast immer in der Mitte zwischen Hype und Frust.
 
Ja, manch' schönes Webprojekt hat in letzter Zeit sein Erscheinen eingestellt: Weil die Macher erkennen mußten, daß sie mit Online-Werbung nicht genug verdienen und kein anderes Geschäftsmodell gefunden wird. Andere verlieren die Lust, weil sie wegen der Masse der kommerziellen Seiten nicht mehr ausreichend (=ohne viel Eigenwerbung) wahrgenommen werden. Wieder andere beenden ihr Engagement, weil sie sich im zunehmenden juristischen Dschungel rund ums Web-Publishing nicht mehr wohl fühlen und manche hören einfach auf, weil ihre Interessen sich verändern.
 
Große Unternehmen haben oft schon die dritte Generation an Web-Technologie: zuerst war es die schlichte HTML-Site, dann das schicke Flash-Teil, schlußendlich das Intranet und das Content-Managment-System (CMS) - alles in kürzester Zeit unter hohem Finanzaufwand "implementiert" - aber jetzt ist erstmal Pause. Schließlich sind es Menschen, die mit alledem zurecht kommen müssen, Menschen, die Zeit brauchen, um das Internet und seine Dienste wirklich eigenständig nutzen zu lernen - mit Geld und Technik ist es lange nicht getan.
 
Auch die "breite Masse" ist nicht etwa dumm, wie manche meinen, weil viele Einsteiger erstmal nur nach Reisen, Schnäppchen, Produktinfos, Fahrplänen und dergleichen Ausschau halten. Jeder nutzt natürlich das, was er als erstes antrifft - und das sind heute nun mal andere Seiten als die, die ich 1995 und '96, den wilden Anfangsjahren, im Web vorfand. Das heißt nicht, dass das menschliche Interesse schlechthin sich heute auf diese "nützlichen" Inhalte beschränkt, es dauert nur ein Weilchen, bis man das "andere Netz" entdeckt, und noch ein wenig länger, bis man auf eigene Ideen kommt, die Chancen und Möglichkeiten erkennt, die dieses noch immer demokratischste Medium aller Zeiten dem Einzelnen bietet.
 
 
Andere Seiten
 
Das Generationenprojekt liegt noch immer nur einen Mausklick entfernt und sammelt Erlebnisse aus den letzten 50 Jahren. Die Seelenfarben bringen Buntes in den Tag und konterkarieren ganz wunderbar die Optik der üblichen Standard-Info-Websites. Immer mehr Menschen finden Spaß daran, ihre täglichen Gedanken und Erlebnisse zu veröffenlichen. Die "Blogger" erleben einen Boom, doch auch die weniger kurz gefaßten Webdiarys sind keinesfalls verschwunden. So läßt uns zum Beispiel Ilona Duerkop mit ihrem Laos-Tagebuch an ihrem Leben in der Ferne teilhaben, bei Ulrike Linnenbrink kann man bis in den Garten sehen, und Peter Fiebig traute sich sogar, einen offenen Bericht über sein Krebsleiden ins Web zu stellen.
 
Schön- und Zeitgeistiges, aber auch handfeste Interessen finden sich im "NoCommerce-Web": Literaturfreunde und Autoren treffen sich im Literaturcafé oder im Berliner Zimmer. Das Webzine Digitab bietet ein anspruchsvolles "Tableau für Gegenwart", und Bubec veröffentlicht fortlaufend seine prägnanten Kurz-Interviews auf Voices of Webber. Ulla sucht vorausschauend in ihrem Altweibersommer Mitstreiterinnen für eine Alten-WG und auf einschaltverweigerung.de kämpft eine "gequälte Seele" gegen den Lärm.
 
Ich belasse es bei diesen wenigen Beispielen, könnte aber ziemlich lange fortfahren, Seite um Seite. Dass einige der Projekte schon sehr professionell aussehen (etwa Berliner Zimmer), liegt an der langjährigen Erfahrung mancher Aktiven. Durchgängig handelt es sich aber um Eigeninitiativen, ganz ohne Blick auf "Return of Investment" gestartet.
 
Es gibt sie also noch, die "anderen Seiten", die die Vielfalt und Buntheit des Netzes ausmachen. Dass sich einige der Macherinnen und Macher nach jahrelangem Engagement heute nach dem "Warum-wohin-wozu?" fragen, ist verständlich. Es ist gut, zu wissen, was man will. Ist eine Website mein Hobby? Will ich Kunst machen oder schreiben? Experimentieren und Kommunizieren? Oder will ich mit einem Webprojekt vor allem Geld verdienen? Nicht immer schließt der letztere Wunsch die anderen aus - aber in vielen Fällen doch. Das aber war auch schon so, als noch niemand ans Internet dachte. Kein Grund, es in die Tonne zu treten!
 
Die Surfer werden mehr.


Claudia Klinger

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