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Wenn die e-Mail "rabäh" macht
Über den Umgang mit immer öfter anzutreffenden HTML-Mails
Wieviele e-Mails täglich übers Netz gehen, weiß niemand, aber zumindest für die Zahl der Mail-Accounts gibt es glaubwürdige Angaben. Ende letzten Jahres waren das knapp 1 Milliarde, wie man auf cyberatlas.internet.com erfahren kann. Weit mehr als das WWW ist Mail DAS Medium der Netzkommunikation, und deshalb werden wir auch im Webwriting-Magazin gelegentlich einen Blick auf Mail-Themen werfen.
Eine der beliebtesten Kommunikationsformen - nicht nur im Internet - ist der Streit. E-Mailer streiten gerne darüber, ob man seine Post gefälligst im schlanken ASCII-Format zu verschicken habe, am besten im besonders mageren und verkehrssicheren 7-Bit-ASCII ohne Umlaute und SZ, oder ob nicht auch HTML-Mail zulässig sei. Die fällt zwar voluminös aus, bietet aber auch reichere Möglichkeiten: aber auch schön, gestattet die Verwendung verschiedener Fonts, Auszeichnung als bold oder kursiv, dazu eingestreute Illustrationen und das alles auf individuellem Hintergrund von Blümchentapete bis giftgrün.
In der Wolle gefärbte Webpuristen entschieden diesen Streit (für sich) bislang auf ziemlich rabiate Weise: Sie setzen ein Mailprogramm ein, das HTML nicht lesen kann, und lassen den Rest der Welt wissen, wer ihnen einen Brief schreiben wolle, solle seine Software gefälligst so einstellen, daß sie "richtige" e-Mails produziert, und damit Basta.
Wenn mich der Blick in meine Kristallkugel nicht trügt, geht dieser Streit jetzt in eine neue Runde, und diesmal wird er nicht so leicht mit einseitigen Dekreten zu entscheiden sein. Was zeigt mit die Kugel? Zunächst einmal 30 Millionen AOL-Kunden, - oder sind es inzwischen schon 33 ? - das Bild ist etwas undeutlich. Viele von ihnen verwenden die neue Software der Version 6, bis Ende des Jahres werden es fast alle sein, - V 6 kann gar keine Standard-Mails mehr verschicken. Alles geht als "multipart/alternative" heraus. Dieses Format enthält die Information doppelt, einmal als Text und einmal in HTML, so daß es in jedem Mailer angezeigt werden kann. Bloß daß die einzelnen Mails fünf bis fünfzig mal so umfangreich sind wie nötig.
Außerdem gewinnt das von Microsoft mit jeder Windows-Lizenz "verschenkte" Mailprogramm Outlook Express immer mehr Nutzer. Nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern weil es ohnehin auf der Platte ist und auch ganz manierlich tut, was man ihm sagt. Wenn man es ihm ausdrücklich sagt, verschickt es sogar reine ASCII-Mails. Voreingestellt ist freilich multipart/alternative, und deshalb finden sich in meinem Briefeingang immer mehr Mails in schütterer Times Roman vor grauem Hintergrund, deren Absender gar nichts wissen vom Unterschied zwischen ASCII und HTML, von der irgendwo in den Tiefen des Menus versteckten Wahlmöglichkeit zwischen beiden ganz zu schweigen.
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Diese Absender machen ihren Job als Abteilungsleiter in der Bank oder Chefsekretärin in der Spedition und sind froh, daß sie gerade den Produktivitätsknick überwunden haben, der ihnen zu schaffen machte, nachdem der Chef angekündigt hatte: "Sie bekommen jetzt auch Internet, Meier". Gar nicht froh dagegen macht es sie, wenn sie des öfteren beschimpft werden, weil sie "kaputte Software" verwenden, die angeblich "unlesbare" Mails versendet. Woher sollten sie es besser wissen als der Systemadministrator, der ihnen den Account eingerichtet hat und der auf gute Ratschläge seiner User gerade noch gewartet hat.
Kaputt, oder jedenfalls überholungsbedürftig, ist da schon eher die Einstellung, die solche Dispute provoziert. Es erscheint weder angebracht noch aussichtsreich, die Absender von HTML-Mails durch Filter auf "multipart/alternative" zu RFC-konformem Verhalten "erziehen" zu wollen. Auch im Internet wird es immer schwieriger, eine "Leitkultur" durchzusetzen. Multikulturelle Toleranz ist angesagt: Wer mit Post aus der Business-Welt rechnen muss, tut gut daran, die Absender von HTML-Mails weder vom Zugang zu seinem Briefkasten auszusperren noch sie in groben Tönen zur Änderung ihres Vehaltens aufzufordern. Andererseits: Wer wirklich viel im Netz zu tun hat, ist gut beraten, sich einen Mailer einrichten zu lassen, der Plain-ASCII kann - selbst wenn er bei der Bank arbeitet.
Keine Frage der Ehre
Wie immer, wenn eine Frage abgehakt ist, drängelt sich schon die nächste ungeduldig nach vorne, und die heißt nun pikanterweise: Wenn schon bald viele User HTML-Mails schreiben und alle sie lesen können, sollte man dann nicht vielleicht sogar selbst überlegen....? Und sähe beispielsweise der eigene Newsletter nicht viel besser aus, wenn er typographisch gestaltet und geschmackvoll illustriert wäre? So an die Sache heranzugehen hat jedenfalls den Vorteil, ein für allemal klar zu stellen, daß "ASCII oder HTML" nichts mit gut und böse zu tun hat. Es ist keine Frage der Ehre, sondern der Zweckmäßigkeit. Und die Antwort ist: Meistens ist es nicht zweckmäßig.
Wenn alle täten, was AOL seinen Kunden empfiehlt: Hintergründe tapezieren, Bildchen einbauen, ein fröhlich Liedlein anhängen, dann würden die Leitungen bald glühen und auch die größten Festplatten überlaufen. Von den Schäden für unsere Hör- oder Sehnerven gar nicht zu reden. Das Preis/Leistungsverhältnis beim e-Mail-Einsatz würde sich signifikant verschlechtern. Überlassen wir HTML-Mail deshalb getrost den Einsatzfeldern, bei denen gute Gründe dafür sprechen. Sofern Sie welche finden. Wenigstens fallen mir die Gegenargumente weitaus leichter ein:
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