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Basics:
Sprechende Links
Der Hyperlink befreit den Text aus den Fesseln der von Papier und Buchblock
aufgezwungenen Linearität und öffnet das Tor zur Freiheit multidimensionaler
Assoziationsräume. Klingt gut, aber ist doch wenig mehr als eine schöne
Illusion. Nur weil der Link die Fähigkeit hat, alles mit allem zu verbinden,
ermöglicht er noch lange nicht die unbeschwerte Navigation auf den Ozeanen
des Wissens, die sich vor über 50 Jahren Vannevar Bush von seiner Memex
erhoffte. Im Gegenteil. Oft genug stiftet er bloß Verwirrung und verwickelt
den unvorsichtigen Besucher eines Hypertextes immer tiefer in seine labyrinthischen
Schlingen. Links sind wortkarg und sagen zunächst nur "hier geht es anderswo
hin". Sie geben keine Auskunft darüber, warum der Mensch, der den
Link gesetzt hat, an eben dieser Stelle im Text eine Verzweigung anbietet -
ob am Ziel Bestätigung zu erwarten ist oder Widerspruch, eine inhaltliche
Vertiefung oder eine entbehrliche Illustration, eine konsequente Fortsetzung
oder eine lockere Assoziation. Bei mit Verstand plazierten Links hilft der Kontext
aus - manchmal.
Wegweiser ins Irgendwohin
Im Allgemeinen und bei Licht besehen gilt: Der Link ist eine Zumutung.
Ein Wegweiser, der einem die Zunge herausstreckt: Hier geht es irgendwohin,
du wirst schon sehen, wo du landest. Statt der großen Freiheit nur
Unübersichtlichkeit und Zufall. Das mag zunächst etwas überraschend sein, neu ist diese Kritik aber
nicht. Tim Berners-Lee, der gerne als "Erfinder des WWW" apostrophiert
wird, versuchte bereits 1990 eine Typologie
des Links, die mehr Klarheit in die vielfältigen möglichen Beziehungen
zwischen dem Link und seinem Ziel bringen sollte - blieb dabei allerdings reichlich
abstrakt. Wenige Jahre später (leider hat der Autor das Datum nicht dazugeschrieben)
hat ein anderer Webpionier, Thomas Trickel, das Problem in einer Weise analysiert,
die auch heute noch Gültigkeit hat.
Drei Grundeigenschaften des Links
In seinem kurzen Aufsatz "Link
Properties" unterschied Trickel drei Grundeigenschaften eines
Hyperlinks:
- Er bewirkt eine bestimmte Aktion auf der Anwendungsoberfläche;
- Er zeigt auf ein definiertes Objekt;
- Er stellt zwischen zwei oder mehr Knoten eine Verbindung mit bestimmter
Charakteristik her.
Trickels Versuch, diese Überlegungen für die Gestaltung von Webtexten
nutzbar
zu machen, war beim damaligen Stand der Technik wenig ergiebig. Heute stehen
für die formale und strukturelle Gestaltung von Hypertexten reichere Mittel
zur Verfügung. Sie machen es uns einerseits leichter, aber die erweiterten
Möglichkeiten steigern auch die Dringlichkeit, etwas für mehr Übersichtlichkeit
zu tun. Immerhin: Frames, Layer und Popups erlauben es - so wie Bush das seinerzeit
konzipiert hatte - zwei oder mehr Knoten gleichzeitig darzustellen. Damit läßt
sich eines der Hauptprobleme herkömmlicher Hypertexte zumindest ansatzweise
lösen. Wenn sich die Informationseinheiten auf dem Bildschirm in stetem
Wechsel vollständig ersetzen, geht der Blick auf den Kontext allzuleicht
verloren. Wenn der Ausgangsknoten sichtbar bleibt, und der Zielknoten zusätzlich
erscheint, ist es wesentlich leichter, den Kontext im Auge zu behalten. Auch
wichtige Eigenschaften der Beziehung zwischen gelinkten Dokumenten lassen sich
leichter signalisieren - z.B. durch Größe der Fenster, die ihnen
zur Verfügung stehen. Über Bush hinaus können wir nicht nur Textdokumente
und Bilder, sondern auch Tondokumente und Videos als Knoten "anlinken"
- was freilich die Notwendigkeit mit sich bringt, den Leser auf geignete Weise
darauf vorbereiten, was da auf ihn zukommt.
Auswählen statt durchklicken
Alles zusammen und richtig eingesetzt ermöglicht dem Leser eines
Hypertextes, sich begründet für oder gegen die Anwahl eines
Links zu entscheiden, oder sich - wenn die angelinkte Information für
ihn doch nicht relevant sein sollte - schnell wieder in den Ausgangskontext
zurückzufinden. Ein höchst erwünschter Nebeneffekt dabei
ist der, daß auf diese Weise ein
und derselbe Text so gestaltet werden kann, daß er für
Leser unterschiedlicher Vorbildung und Interessenlage mit Gewinn zu lesen
ist. Der Ton liegt hier auf dem "richtig eingesetzt". Das Bewußtsein
von der Poblematik alleine reicht offensichtlich nicht dazu aus, die wortkargen
Links zum Sprechen zu bringen und den prekären Zusammenhalt von Hypertexten
zu sichern. Das amerikanische Designerbüro Matterform
hat bereits Mitte der 90er Jahre eine Serie von Icons, die QBullets,
entwickelt und zum freien Gebrauch bereitgestellt, die Ordnung in die Vielfalt
der mit Links eröffneten Möglichkeiten bringen sollten. Schon der
erste Blick auf die Liste
macht plausibel, warum die QBullets keine große Verbreitung fanden: Es
sind zu viele, sie sehen sich zu ähnlich, und man müßte regelrecht
"Vokabeln" lernen, bevor sie wirklich eine Hilfe sein können.
Einige erscheinen reichlich überflüssig. Andere bringen allerdings
Grunderfordernisse der Navigation zum Ausdruck, die auf vielen Websites durch
Icons augenfällig dargestellt werden - wenn auch nicht unbedingt in der
von Matterform vorgeschlagenen Form.
Vielerlei Pfeile
Auf- und Ab-Pfeile gehören heute auf vielen Sites zur Standardausstattung,
sie signalisieren dem Besucher einer Seite, daß er nicht aus dem
Kontext geschleudert wird, sondern zur Not über den Scrollbalken
zurückfindet, falls er am Ende des Sprunges nicht das vorfindet,
was er erwartet. Andererseits bereitet das heute meist ebenfalls als Pfeil
ausgeführte "Außenlink" den Leser darauf vor, daß
er den Kontext verläßt, vielleicht mit einiger Wartezeit beim
Seitenaufbau und möglicherweise sogar mit Schwierigkeiten bei der
Rückkehr rechnen muß. Der Einsatz von (Pfeil-)Icons als Navigationslinks ist aber nicht unproblematisch,
wenn man ihnen mehr abverlangt, als sie vernünftigerweise leisten können
- ein Beispiel dafür ist etwa auf den Seiten von Daimler-Chrysler
zu besichtigen, wo die gesamte Last der Strukturierung eines voluminösen
Hypertextes, der kein Hypertext sein will, vier
armen Symbolen aufgebürdet
wird, die so klein sind, daß man ordentlich zielen muß, um sie zu
treffen.
Zwischen Spieltrieb und Systemzwang Wer sprechende Links verwenden will, die dem Leser helfen und ihn nicht zusätzlich
verwirren, sollte sich weder vom Spieltrieb zu allzu bunten noch vom Systemzwang
zu allzu elaborierten Konstruktionen verführen lassen - zwischen betreiben
und übertreiben ist ein Unterschied. Nach dieser Einsicht verfahren jedenfalls
einige Seiten, deren Link-Icons wir mit Gewinn für unseren eigenen Versuch
zur Gestaltung sprechender Icons studiert haben. Z.B. SelfHtml
von Stefan Münz, der sehr sparsamen, aber durchaus sinnvollen Gebrauch
von Link-Icons
macht. Ähnliche Icons verwendet Telepolis,
darunter sind auch "unechte"
Link-Icons, die keinen Bezug zu Text enthalten, sondern aus Grafiken bestehen.
Stefan Karzauninkat hat in seiner Suchfibel
neben den üblichen Navigations-Icons - die in einer vielstufigen Farbcodierung
angeboten werden - auch noch Novitäten wie seine "Fußnote" eingeführt, die nicht
nur lustig aussehen, sondern auch höchst sinnvoll sind. Neben erklärenden
Icons werden vereinzelt auch Farbcodierungen des Textlinks eingesetzt, um dem
Leser zu signalisieren, ob ein Icon zu einem ergänzenden Dokument auf der
eigenen Site oder nach draußen führt. Gewohnt minimalistisch erfolgt
der Einsatz dieses Mittels bei Ralph
Segert , während die Bösewichte von cphack.robinlionheart.com
eine eher farbenfrohe Variante vorstellen. Nur für Anwender des Microsoft-Explorer
sichtbar und daher kaum empfehlenswert ist der MS-proprietäre Link-Titel,
der beim Überfahren des Links als kurze Text-Erläuterung eingeblendet
wird. Netscape 6 zeigt den Link-Titel zwar auch an - dafür unterschlägt
er aber in der bei mir installierten Version das ALT-Tag.
Für den Gebrauch im Webwriting-Magazin haben wir einige neue Link-Icons
entwickelt, uns aber durchaus auch von bereits im Umlauf befindlichen Exemplaren
inspirieren lassen. Dabei haben wir gesehen, daß die Form und Funktion
dieser Links beileibe nicht beliebig ist, sondern zumindest teilweise aus der
Struktur der Informationsrepräsentation - also dem Grundlayout der Seiten
- abgeleitet werden sollte, um wirklich hilfreich zu sein. Wer bis hierhin gelesen
hat, konnte nicht vermeiden, unseren Lieblings-Link-Icons schon mehrfach zu
begegnen - wir haben aber noch ein paar mehr im Köcher,
an deren Gebrauch wir uns und unsere Leser erst langsam gewöhnen wollen.
Änderungen entsprechend dem aktuellen Stand unserer Forschungen vorbehalten.
Weitergehende Möglichkeiten Der Einsatz der Link-Icons bietet aber noch weitergehende Möglichkeiten
als nur die, zu signalisieren, welche Art von Dokument aufgerufen wird und wo
es auf dem Bildschirm erscheinen wird. Wo es wünschenswert und möglich
ist, die Bedeutung eines Links in wenigen Worten zu präzisieren, kann man
dazu den Alt-Text des beigefügten Icons verwenden. So ähnlich halten
wir es mit unserer "Denkblase" ,
die aber weder ein Link ist noch eines kennzeichnet, sondern die Eigenschaften
des Alt-Tags nutzt, um an Ort und Stelle ein kleines Fenster mit Zusatzinformation
zu öffnen. Leider werden die Alt-Texte von MSIE und Navigator auf unterschiedliche
Weise angezeigt,
so daß die Länge der hier unterzubringenden Mitteilungen arg begrenzt
ist. Mehr Möglichkeiten bieten da schon eingeblendete Layer - doch auch
hier gibt es zwischen den beiden meistverbreiteten Browsern noch ärgerliche
Unterschiede
bei der Anzeige, so daß Zurückhaltung angeraten ist. Eine besonders
schöne Variante, die allerdings den Einsatz von Javascript voraussetzt,
bietet "overLIB"
von Erik Bosrup. Eine weitere elegante Möglichkeit der Kennzeichnung von Links wäre
es, wenn der Cursor selbst beim Überfahren eines Links die Form des passenden
Icons annehmen würde. In begrenztem Umfang ist der Cursor bei den gängigen
Browsern bereits heute schon per
CSS manipulierbar - das ist beim aktuellen Stand der Dinge aber eher ein
Gimmick und kein nützlicher Feature. Und vielleicht ist es auch ganz gut,
daß dieses Feature nur begrenzt zur Verfügung steht: Die klare Strukturierung
von Hypertext kann zwar durch technische Mittel wie sprechende Links in einigem
Umfang unterstützt werden, doch der Hauptteil dieser Anstrengung ist bei
der Arbeit am Text selbst zu leisten. Michael Charlier

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