von Claudia Klinger, 15. Mai 2008, 09:45
Und plötzlich heißt es bloggen..
Jan Tißler hat in seinem Mag UPLOAD die 5 Phasen des Bloggens beschrieben: Annäherung, Euphorie, Ernüchterung, Gleichgültigkeit und Sucht. Demnach müsste ich schon viele Jahre ein “süchtiges Leben” führen, was auf jeden Fall stimmt, wenn man es als Sucht ansieht, vom Schreiben und Webprojekte basteln nicht lassen zu können. Der Artikel inspiriert mich, die eigene Webgeschichte auszugraben - und die geht so:
Als das funkelnagelneue Web meine Aufmerksamkeit fesselte, war ich hin und weg! Die Annäherung wurde blitzgeschwind zur Euphorie: Da konnte ja JEDER rein schreiben, Seiten ganz nach eigenem Geschmack gestalten und veröffentlichen: schreiben (Netzliteratur), Kunst machen (Web.Art), und andere frei schweifende Geister kennen lernen - wow!!!
In der Steinzeit des Webs
Beispiele aus der “wilden Urzeit”: ORKUS - MetaTAGS - [IMD-L] rtf - Demokratie, Medien, Formate
Man schrieb das Jahr 1996: damals baute man binnen Stunden Webprojekte aus statischen Seiten - ohne jede Vorgabe. HTML war noch ganz simpel, ein Nachmittag reichte, um loszulegen. Es gab noch keine Gewohnheiten, wie etwa “Navigation” gehen soll, wie man strukturiert und wie eine Website auszusehen hat. Es gab nur Links, die man auf Texte oder Bilder setzen konnte, mehr “Tradition” war nicht. Wir bauten fantasievolle Webseiten, auf deren Bildern und Objekten man mit der Maus herum fahren musste, um die Links zu finden - und fanden das toll! Wir schrieben uns Mails zu den neuesten Werken und veröffentlichten sie ober- oder unterhalb der Artikel , händisch halt, aber doch recht schnell. Wir glaubten, die Welt werde sich jetzt grundstürzend ändern, da es unmöglich schien, im Web so etwas wie “Eigentum” festzuschreiben - und natürlich, weil jeder mit jedem kommunizieren konnte, Netzanschluss vorausgesetzt.
Ich fuhr schwer ab aufs “webben”, kam vom Monitor kaum mehr weg und führte ein “Cyberzine” (“Missing Link”), in dem ich schrieb, was ich so über die Welt dachte. Ab und an bekam es ein neues Outfit und eine neue Struktur, parallel entstanden weitere Projekte, wenn das neue Thema nun wirklich nicht mehr passte oder ich Lust verspürte, mal wieder alles ganz anders zu machen. Indem das Web immer mehr wuchs und nun auch kommerziell wurde, war es jedoch plötzlich gefährlich, irgend einen griffigen Namen zu wählen. Es könnte ja unwissentlich ein Markenschutz verletzt werden oder sonst ein “Recht” - und weg wär’ die Domain bzw. der Name und alle Arbeit für die Tonne! Meine Begeisterung für ein Thema war zudem recht sprunghaft und hielt selten länger als drei Monate: dann war im Grunde schon wieder das neue Projekt fällig, mindestens aber ein größeres Redesign mit neuer Struktur und neuem Design. Es wurde mir zuviel Arbeit - eigentlich wollte ich ja nur ins Web schreiben!
Der Charme des Tagebuchs
Als ich 1998 dann mal wieder das Rauchen aufgab, schrieb ich dazu ein “Nichtrauchertagebuch” (The Power of now), das - von heute aus betrachtet - schon ein wenig “Blog-Gestalt” hatte. So entdeckte ich den Charme und die Einfachheit der “Tagebuch-Schreiberei”. Nach drei Monaten war das Thema Rauchen für mich durch, ich schloss das Projekt ab, vermisste aber auf einmal das “tagebuchartige” Schreiben. Also meldete ich die Domain claudia-klinger.de an (die kann mir niemand absprechen!) und begann dort, im “Digital Diary” zu schreiben - und bald auch wieder zu rauchen.
Landleben, Netzleben
Das war 1999. Zur Jahrtausendwende wurde der Weltuntergang namens “YTK” angesagt, blieb aber dann doch aus. Ich zog für zwei Jahre nach Mecklenburg und erfüllte mir meinen Traum, vom Monitor weg direkt auf die Wiese wechseln zu können - mit rundrum nur Landschaft. Das Netz war schließlich überall, ich brauchte ja nur in Berlin ausstöpseln, am Zielort einstöpseln und den nächsten Beitrag schreiben. Das Diary bekam den Untertitel “Vom Leben auf dem Land und in den Netzen”. Zwei Jahre später stöpselte ich wieder in Berlin ein - zwar brauche ich nicht so viel “Real Life”, aber das Land bot doch auf Dauer wenig Anregung und Inspiration. (Da waren ja nicht mal Graffiti an den Wänden!) Bye bye Landleben!
11/9
Im Diary schrieb ich weiter, ohne mich einer Frequenz verpflichtet zu fühlen, jedoch immer, wenn etwas für mich WICHTIGES vorfiel. Dann kam der 11.September, der mich über eine Woche verstummen ließ, während sich im Web alle Welt kommunikativ in Kriege verstrickte. In Mailinglisten ging die Post ab, Foren gestandener Literaten wurden geschlossen, weil das Flaming und die Zerwürfnisse überhand nahmen, während ich keinen Satz zum Thema sagen konnte (aber auch nicht kommentarlos über etwas ANDERES weiter schreiben). Das Ereignis und die Mega-Welle seiner Wirkungen war ZU GROSS für das Diary, zu groß für mich. Bis ich dann doch weiter schrieb (“Vom Glück mitten im Grauen”), schließlich konnte ich ja nicht aufhören, bloß weil die Welt sich geändert hatte.
Und wieder alles neu..
Das Diary blieb, die Technik wechselte: ab 2002 verschwanden die steinzeitlichen Frames, die Seiten wurden jetzt beim Aufruf per SHTML zusammen gesetzt. Dann kam “Full CSS-Design”, eine wirklich gravierende Veränderung. Ich musste 80% meines alten HTML-KnowHows vergessen und Webdesign neu lernen. Es war eine frustrierende Erfahrung, wenn ich auch einsah, dass es nötig war, um das zu komplex gewordene Chaos im Web wieder zu bereinigen. Es dauerte lange, bevor ich mit CSS (fast) alles machen konnte, was ich mit den alten Methoden perfekt beherrscht hatte. Mittlerweile wurde allerdings immer weniger von “allem” verlangt, ich brauchte so manches gar nicht erst lernen. Webseiten wurden immer gleichförmiger, damit der Kunde schnell zum Kaufklick findet und der Leser möglichst viele “Page-Impressions” erzeugt. An solche Seiten gewöhnte User wären nur genervt, wenn ich auf meinen Seiten “Kunst mache”. Webdesign begann, mich zu langweilen, doch schrieb ich natürlich weiter Digital Diary.
Das erste Blog-Script: Wordpress
2006 setzte ich es dann auf ein Wordpress-Blogscript und pfriemelte die Diary-Optik in die PHP-Dateien eines “Themes”. Zum ersten Mal nahm ich die Bloggerszene wahr, doch mit meiner Motivation hatte das nichts zu tun. Ich hatte einfach keine Lust mehr, für jeden Beitrag zehn Minuten händisch technische Idiotenarbeit zu leisten, wenn auch “einfach rein schreiben” zur Verfügung stand. Zwar geschaffen für Ahnungslose, die sich HTML&Co. gar nicht erst antun wollten, aber immerhin funktionierend und meinen mittlerweile geschrumpften Ansprüchen ans “webben” entsprechend: Schließlich WOLLTE ich gar nicht mehr jede Rubrik anders aussehen lassen und beliebig tief schachteln…
Mittlerweile machten die “Blogger” zunehmend von sich reden: Himmel, eine neue schwurbelnde Szene mit im Prinzip denselben Themen und derselben Gruppendynamik wie in den wilden Zeiten der ersten Jahre! Tja, so ist es, älter zu werden: die Dinge kehren wieder - ein wenig anders gestylt und von Jüngeren getragen, aber doch “altbekannt”.
Vielleicht bleiben ein paar “Blogger” dabei, treten aus der Phase 5 (”Sucht”), die UPLOAD beschreibt, über ins zeitlose “webben” - für mich heißt es immer noch so und bedeutet immerhin “vernetzen”. Die werden dann in zehn, fünf oder drei Jahren erleben, dass eine neue Szene wieder heftig drauf abfährt, wie wunderbar und einfach es ist, was sie da gerade neu entdeckt haben. (Schon jetzt gibt es ja die vielen, die nur schreiben, wo man das ganze Blog-Know-How nicht braucht….)
Nächstes Jahr wird das Digital Diary ZEHN und sieht noch immer weitgehend so aus wie zum Start. Denn im Netz ändert sich ständig alles, Seiten verschwinden, ändern ihr Aussehen oder ihren kompletten “Content”. Das Digital Diary bleibt und führt mich “vom Sinn des Lebens zum Buchstabenglück”. Hoffentlich solange, wie ich eine Maus klicken kann - das muss auch vom Bett im Pflegeheim aus gehen, denk ich mir!
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Am 15. Mai 2008 um 23:27 Uhr
[...] angeregt durch meine “Fünf Phasen des Bloggens” hat Claudia Klinger im Webwriting-Magazin ihre eigene Entwicklungsgeschichte in Sachen Web aufgeschriebe…. Lesenswert! [...]
Am 21. Mai 2008 um 05:03 Uhr
[...] internetwachsende Einfluß von Bürokraten und Anwälten auf das Internet > gibt > mir ziemlich zu denken. Die ganzen Diskussionen die Augenblick so > laufen gehen ja dahin, daß das Internet genauso reguliert wird wie > die > reale Welt. > > Fehlt nur noch, das es demnächst Grundbesitzsteuer für Domains, > Baugenehmigungen für WebSites und notarielle Eintragungen von > Domainregistrierungen gibt. Nur damit die Anwälte und Bürokraten > mitverdienen können. > > Ich denke man sollte zusätzlich zum exisierenden Internet ein > OpenNet > aufbauen, dass ohne diesen ganzen Regulierungskram auskommt (bis > auf > das technisch nötige), ansonsten sollte nur das Prinzip “first come > first serve” gelten und die Regel, dass Behörden und Anwälte leider > draußen bleiben müßen. Die verklagen sich dann im Internet > gegenseitig > solange bis es ganz kaputt ist weil alle Links verboten, alle > Inhalte > zensiert und alle Domains einen unklaren rechtlichen Zustand haben > (wie > kinder.at oder bucher.de…). Tja, eine Wunschtraum… Als ehemaliger Betreiber einer Mailbox (die mit anderen Mailboxen) vernetzt war kann ich da nur zu sagen: Es war auch nicht soooo frei… Geltendes Rest ist geltendes Recht egal wo. Und sobald da mehr Leute dran hängen passiert genau das selbe wie im Web. Man erwartete beispielsweise von mir, daß ich in der Lage sein sollte exakt zu checken welche Nachrichten über meine Mailbox laufen…gesetzwidriges zu blockieren…die Altersangaben meiner User zu checken. Kommentar: Nein, eine Ausweiskopie genügt nicht…könnte ja die vom Vater oder Bruder oder Bekannten sein. Persönlicher Augenschein wurde verlangt für Datenbereich die nur Erwachsenen zugänglich sein sollten. Hm…wie checke ich durch persönlichen Augenschein wenn der User 800 km weg ist? Ende vom Lied..ich stellte die Mailbox ein. Und das war schon 1994! Das Web galt lange lediglich als nicht kontrollierbar durch seine Größe..heute denkt man, daß es jetzt kontrollierbar sei. Also kommen nun mehr und mehr die selben Wünsche und mehr die schon den Mailboxen das Leben schwer machten. Abgelegt unter: Allgemein [...]
Am 29. Mai 2008 um 10:13 Uhr
Prrrrrr … noch immer wehre ich mich mit Haenden und Fuessen gegens Bloggen, aber ich komm wohl nicht mehr darum herum und muss mich (mit Widerwillen) damit beschaeftigen. Also, wie und wo fange ich damit an … gibt es einen kleinen Selbstlern- bzw. einen Selbsterfahrungsaufdienasefliegen-Kurs?
Am 4. Juni 2008 um 11:00 Uhr
@Mohnblume: es gibt JEDE MENGE - und das ist auch schon wieder das Problem, weil jeder es unter einem anderen Blickwinkel betrachtet. Es gab dazu mal ein Blogprojekt, dessen Beiträge ich gesichtet und kommentiert habe - vielleicht findest du da das für dich passende!
Am 21. Juli 2008 um 20:02 Uhr
[...] rauchenf (Martin.Friese@topmail.de) schrieb am 2. Januar 2001 14:42: > > > würde nicht viel bringen, die meisten Fußgänger nehmen > > > einigermaßen verantwortungsvoll am Verkehrsgeschehen teil und > > > selbst die anderen sind für ihre Umwelt weniger gefährlich als > > > der unvernünftige Autofahrer > > Ahh ja. Und deshalb gehen die Fussgänger in München permanent bei > > rot über die Ampel und regen sich dann noch auf, dass man Sie > > anhupt. > Ich finde die These von Martin auch etwas gewagt. Der Fußgänger, der bei rot über die Kreuzung rennt, gefährdet in erster Linie sich selbst. Der Autofahrer, der bei rot mit überhöhter Geschwindigkeit über die Kreuzung rennt, gefährdet in erster Linie andere > Ich bin der Ansicht, dass alle Verkehrsteilnehmer nach den selben > Regeln leben müssen. dieser Ansicht bin ich auch > Ich verstehe nicht, warum ein Autofahrer aus Prinzip teilschuld > ist, wenn ein Fussgänger bei Rot über die Ampel läuft und auf der > Kühlerhaube landet. das verstehe ich auch nicht. [...]
Am 2. September 2008 um 11:59 Uhr
[...] rauchenr typische Kettenraucher, der das Rauchen so nötig hat, dass er > > nicht einmal am Arbeitsplatz für 9 Stunden von der Zigarette lassen > > kann, muss seine Arbeit ständig unterbrechen, um seinen > > Nikotinspiegel wieder anzuheben. Dass man als Chef auf diese > > unsinnigen Unterbrechungen gerne verzichten möchte, kann ich durchaus > > nachvollziehen; man kann nichtmal 2 Stunden am Stück etwas > > besprechen, ohne dass der Raucher entweder zwischendurch “mal 5 > > Minuten Pause” braucht oder zum Ende der Besprechung sowas von > > unkonzentriert ist, dass die “mal 5 Minuten Pause” weniger geschadet > > hätten. > > Prima, denn verbieten wir doch gleich auch Pinkelpausen (kanst ja > Windeln tragen) und Essenspausen (kannst ja während der Arbeitszeit > instravenös ernährt werden…) Dummes Argument: Das Pinkeln ist eine Notdurft, das kann man nicht ändern. Wäre es tatsächlich hygienisch möglich, während der Besprechung zu pinkeln, würde ich es tun. Essen ist ebenso wichtig. Das kann ich aber bei langen Besprechungen auch im Beisein der anderen erledigen. Es stört niemanden, da niemand belästigt wird. > Ich jedenfalls könnte keine 9 Stunden ohne Zigarette auskommen Wann warst Du das letzte mal bei einer Suchtberatung? > und ich will es auch garnicht.. Du bist nunmal nicht mehr Herr über Deinen Willen. Du bist süchtig. > DIese ewige Diskriminierung von Rauchern geht mir sowieso auf den > Sack.. Hast Du schonmal darüber nachgedacht, ob die Nichtraucher etwas gegen Dein Rauchen haben könnten und nicht gegen Dich? > Da will man für Raucher die Krankenkassenbeiträge erhöhen, weil sie > höhere Kosten verursachen… > Das ein Raucher im Gegenzug der Rentenkasse eine Menge Geld spart > wird dabei gerne übersehen, dennn ich zahle genauso wie ein > Nichtraucher in die Rentenkasse ein, lebe aber durch das Rauchen > statistisch gesehen ca. 5 Jahre weniger und bekomme damit auch > weniger Rente. Mal von den zusätzlichen Einnnamen an Tabaksteuer ganz > abgesehen. So ein Quatsch: Du entziehst der Volkswirtschaft Kapital durch die unsinnige und nichtsbringende Vernichtung von Gegenständen. > Warum plädierst du nicht auch fairerweise für eine > Rentenbeitragserhöhung für Nichtraucher, da sie die Staatskasse > stärker belasten??? Ich bin für eine höheres Renteneintrittsalter: 75 Jahre wäre z.Zt. angebracht. Zudem kann das Rauchen/Nichtrauchen nicht so einfach für das Individuum erfasst werden. Gruß, Kernelpatch [...]
Am 10. Januar 2009 um 13:01 Uhr
[...] Der Start des Digital Diary, dem ein “Nichtrauchertagebuch” voraus ging, verdankte sich bereits ein Stück weit der Normalisierung des neuen Lebens, das ich 1996 “im Internet” begonnen hatte. Denn es war mir zu mühsam geworden, immer neue Projekte zu kreieren, um über neue Themen schreiben zu können, die nicht in die Schubladen und Kapitel der alten Seiten passten. Auch war das Web “verrechtlicht” und es drohten allenthalben Namensstreitigkeiten, wenn man einen schönen Projektnamen als Domain buchen wollte. “Claudia-Klinger.de” kann mir niemand nehmen, dachte ich mir und begann also, unter dem eigenen Namen zu schreiben. Sehr viel später nannte man das dann bloggen. [...]
Am 14. März 2010 um 08:52 Uhr
[...] Namen anmeldete und das Digital Diary startete. Heute ist es das zweitälteste noch aktive Blog im deutschsprachigen [...]