Claudia Klinger am 15. Juni 2012

Leistungsschutzrecht: Wie wärs mit einem Verlinkungsstreik für einen Tag?

Nach dem Referentenentwurf für ein Leistungsschutzrecht sollen in Zukunft samtliche „Snippets“, also auch kleinste Textbestandteile von Presseartikeln kostenpflichtig, bzw. abmahnfähig werden. Neben heftiger Kritik (siehe unten) gibt es auch „beruhigende“ Artikel, etwa von Christoph Keese auf Presseschauder. Er nennt „Vier Gründe, warum Blogger das Leistungsschutzrecht nicht fürchten sollten“, darunter diesen:

“Nur wer gewerblich aggregiert, ohne selbst zu schreiben, braucht eine Lizenz. Erst wenn ein Blogger Texte oder Stellen daraus übernimmt, ohne sie als Zitat in ein eigenes Werk einzubetten – sprich: ohne selbst etwas dazu zu schreiben -, muss er sich Gedanken machen, ob er eine Lizenz benötigt. Er braucht sie aber nur dann, wenn er gewerblich im Sinne des Gesetzes arbeitet.“

Ja, ich glaube auch, dass das Zitatrecht an sich nicht angekratzt wird. Im Rahmen einer eigenen geistigen Auseinandersetzung darf ich als Bloggerin weiterhin zitieren, auch auf einem gewerblichen Blog.

ABER:

Die meisten Links werden im Web 2.0 “geteilt” bzw. weiter getwittert und auf unzählingen Bookmark-Seiten versammelt, ohne “selbst etwas dazu zu schreiben”. Zahllose Widgets binden auf Blogs automatisiert News aus RSS-Readern (Titel, Link, erste Worte…) ein.

Dies alles würde durch das LSR, sollte es so Gesetz werden, unterbunden bzw. rechtlich sehr riskant. Denn selbst wenn die Seite, auf der die versammelten “Snippets” erscheinen, keinerlei Einnahmemöglichkeiten zeigt, an sich also nicht gewerblich ist, wird sich doch häufig eine berufliche Nähe des Seiteneigners zu den Themen der händisch oder per Aggregator versammelten Links nachweisen lassen – womit es dann (so sieht es der Gesetzesentwurf explizit vor) unter “gewerblich” fiele.

Schuss ins eigene Knie

Was ich absolut nicht verstehe, ist: wie kann man sich als Verleger-Lobby nur dermaßen ins eigene Fleisch schneiden? Wenn Verlinkungen und speziell auch die von mir genannten Aggregationen und Linksammlungen nicht mehr möglich sind, weil “kostenpflichtig” bzw. abmahngefährdet, dann werden die aus dem Netz verschwinden – und damit schwinden unglaublich viele Weg, auf denen Leser bisher zu den Artikeln der Verlage fanden! Es geht mir nicht in den Kopf, wie man so bescheuert sein kann!

Deshalb: Wie wär es mit einem Link-Streik für einen Tag? Keiner verlinkt, retweeted, teilt, twittert, bookmarkt an diesem Tag irgend ein Verlagserzeugnis. Entsprechende Widgets werden still gelegt.

Damit sie sehen können, wie es wäre mit dem neuen Leistungsschutzrecht! Nach dem Motto: wer nicht hören/begreifen will, muss es wohl erleben!

***
Mehr zum aktuellen LSR-Entwurf:

Diskussion

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12 Kommentare zu „Leistungsschutzrecht: Wie wärs mit einem Verlinkungsstreik für einen Tag?“.

  1. Der vermeintliche Schuss ins eigene Knie macht dann Sinn, wenn die Zeitungen die Portale dicht und kostenpflichtig machen.
    Dann kann man noch nicht einmal mehr ausserhalb der geschlossenen Bereiche über Meldungen diskutieren, da dazu entweder ein bezahlter Zugang oder ein Komplett“zitat“ des Artikels notwendig ist. Auf BILDBlog angewendet würde das zu einer Komplettblockade führen.

  2. Wow, dann verschwindet die deutsche PResselandschaft komplett hinter Paywalls – da bin ich aber gespannt! Gibt ein tolles Konjunkturprogramm für ausländische News-Seiten und auch hierzulande wird es Publizisten geben, die das nicht mitmachen – die boomen dann so richtig! Auch die Pressemitteilungsseiten werden sich freuen!

  3. Justizministerium: Leistungsschutzrecht für Verleger kommt…

    Das neue Leistungsschutzrecht räumt Verlegern umfangreiche Rechte an veröffentlichten Artikeln ein (Foto: IT Stock | Photos.com) Das Bundesjustizministerium stellt den Verlagen ein umfangreiches Leistungsschutzrecht in Aussicht. Berlin (dts Nachrichten…

  4. UPS, da scheint sich eine neue Seite zum Thema gebildet zu haben – ganz frisch: http://linkboykott.de

  5. Ich bin mir nicht sicher, wie man ein erlaubtes Zitat von einem kostenpflichtigen Snippet abgrenzen möchte – wie viel Text muss man selbst dazusteuern? Und was ist mit Linktipps? Wie soll so etwas funktionieren? Ehrlich gesagt sehe ich ziemlich schwarz für das Zitatrecht…

    Linkstreik ist eine gute Idee, mache ich schon seit Wochen für alle deutschen Presseseiten.

  6. „gibt es auch “beruhigende” Artikel, etwa von Christoph Keese auf Presseschauer“ – Nunja, wer Christoph Keese ist und welche Interessen der vertritt ist ja nun nicht schwer herauszufinden.

  7. C. Keese schreibt auf presseschauder, nicht presseschauer.
    Es besteht ein erheblicher Unterschied zwischen diesen Angeboten :-)

  8. @Edlef: danke, habs korrigiert!

  9. Ich glaube nicht, dass ein Linkstreik was bringt. Vermutlich wird das eher so laufen, dass der Verzicht auf Links dazu führt, dass die Verlage damit „beweisen“ können, dass das Internet Nix taugt (weil der wirtschaftliche Erfolg ausbleibt). Und damit bekommen sie wieder ein Informationsmonopol durch Printmedien. Ich fürchte also, so ein Linkstreik wird auch ein Schuss ins Knie.

  10. […] ins Knie schießen, und dass sie das doch merken müssten. Wie ich im Webwriting Magazin schon kommentiert habe, glaube ich das eher nicht. Ich glaube eher, dass das Internet als alternatives und […]

  11. […] Leistungsschutzrecht: Wie wärs mit einem Verlinkungsstreik für einen Tag? […]

  12. […] 152. Der Klima-Lügendetektor (2051) 153. Stampin Piper (2069) 154. optivo E-Mail-Marketing (2075) 155. Webwriting-Magazin (2105) 156. Kuechenradio.org (2127) 157. Writingwomans Autorenblog (2133) 158. Stempelmausi`s kleine […]