Claudia Klinger am 02. September 2008

Putin-Interview: Proteste zeigen Wirkung

Nun hat Thomas Roth zu den Vorwürfen Stellung genommen und schreibt im Artikel „Von Zensur kann keine Rede sein“: „Selbstverständlich ist unser journalistisches Interesse, das ganze Interview zu veröffentlichen. Das geschieht am Dienstag, den 2. September um 6:20 Uhr im WDR-Fernsehen und wird danach auf www.tagesschau.de auch in schriftlicher Form veröffentlicht. Wir machen das sehr gerne und freuen uns, wenn wir das große Interesse damit zufriedenstellen können.“

Schön! Zu den allgemein als sehr tendenziös empfundenen Schnitten findet sich allerdings kein Wort, lediglich der Hinweis, dass Kürzungen auf spezifische Sendeformate doch ganz normal seien. Unzählige Mails, Blog-Kommentare und Reaktionsartikel haben immerhin Wirkung gezeigt, so dass zumindest in diesem Fall „der Wahrheit ganze Länge“ auf die Bildschirme der Interessierten gezwungen wird (mit Wahrheit meine ich hier den Volltext des Interviews, nicht dass Putin in all seinen Äußerungen richtig läge).

Womöglich dient dieser Vorfall ja ganz allgemein der politischen Bildung. BÜRGER HEROLD schreibt: „Dieser drastische Fall wirft doch die Frage auf, wie echt und irreführend vorproduzierte Interviews sind – mit Angela Merkel, Wolfgang Schäuble usw. Aus dieser Sicht haben wir es heute mit einem Absturz der Glaubwürdigkeit zu tun.“

Kriegstreiberei

Die hier wieder mal hoch kochende Diskussion um den Begriff „Zensur“ versus „redaktionelle Freiheit“, die man z.B. auf wirres.net nachlesen kann, halte ich für einen Nebenkriegsschauplatz. Viel wichtiger ist die Bewusstmachung der so fraglos feindseligen Gesamttendenz der westlichen Berichterstattung im Georgienkonflikt, wie sie die Nachdenkseiten im Artikel „Die Behandlung des Putin-Interviews in der ARD – Platz 1 der „Manipulation des Monats“ im Detail aufzeigt. Selbstverständlich waren und sind die Russen da die Bösen, denen entgegen den Tatsachen unterstellt wurde, mit den kriegerischen Auseinandersetzungen begonnen zu haben. Eine derart großformatige Lüge, vorgetragen im geradezu „gleich geschaltet“ wirkenden Chor der traditionellen Medien hat mich doch ziemlich entsetzt! Die beiden „abtrünnigen Republiken“ hatten ihre Zugehörigkeit zu Georgien ja noch nie akzeptiert. Es waren die Georgier, die mittels ihrer kriegerischen Offensive Russland erst zum Eingreifen motiviert haben – wie kann man diese Fakten nur derart verfälschen?? Und ist es nicht schlichte Kriegstreiberei, vor diesem Hintergrund den Nato-Beitritt Georgiens zu beschleunigen?? Man hätte ja dann sofort den „Verteidigungsfall“ – kann das wirklich jemand wollen?

Diskussion

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5 Kommentare zu „Putin-Interview: Proteste zeigen Wirkung“.

  1. Natürlich kann das – die Konfrontation Russlands mit Europa/China – jemand wollen. Woher denn sonst diese Form der medialen und realen Mobilmachung?

    Vielleicht sollte niemand allzu viele Illusionen über die Politik von jenseits des Atlantiks (und die damit hierzulande induzierte) hegen, ob sie nun einen Schwarzen oder einen Weißen, einen Mann oder eine Frau als Galionsfigur herzeigt. Deren Ziele und Interessen sicherlich nicht durch ihre PR-Gestalten vor der Siegessäule in aller Öffentlichkeit breit getreten werden. Das wäre vielmehr der Job für Journalisten.

  2. Mir wird jedenfalls schlecht bei dem Gedanken, Potentaten mit demagogischen Zügen die Nato-Mitgliedschaft anzubieten. Das ist grotesk was ein Ölrohr auslösen kann.

  3. Werte Damen und Herren der ARD,
    liebe Mitbürgerinnen und -bürger,

    helle Empörung geht um in unserem ansonsten recht tranigen Vaterland!
    War das ein ‚Interview‘?
    War das Zensur?
    War das Gefälligkeitsjournalismus?
    Oder einfach Hofberichterstattung?

    Fragen über Fragen, die ausführlich von kompetenten Leuten hier diskutiert worden sind.
    Der Tenor der Einschätzungen kann für die öffentlich-rechtlichen Medien nur als total verheerend bezeichnet werden.

    Deshalb erübrigen sich weitere Ausführungen zum Fall Roth. Einige grundsätzliche Anmerkungen jedoch sind gleichwohl geboten.

    Wenn man demoskopischen Erhebungen glauben darf, so haben Politiker (ganz unten) neben Journalisten das schlechteste Standing bei der Bevölkerung. Das heißt, dass die Bevölkerung durchaus nicht grundsätzlich mit der Arbeit der Medien einverstanden ist und Ungereimtheiten selbstverständlich zu registrieren weiß.

    Die Medien sollten das Schweigen der Mehrheit nicht als Zustimmung missdeuten. Auch die Mehrheit ist des Denkens fähig.
    Die Mehrheit ist mit Politik und Medien schlicht und einfach unzufrieden!

    Politik und Medien fallen über einen Menschen her, den sie als „Florida-Rolf“ gebrandmarkt haben, aber von weiteren ‚Liechenstein-Nikoläusen‘ hört man nichts.
    Für Ersteren wurden sogar Gesetze geändert, bei Letzteren wird geschwiegen.

    Welch eine beschämende Doppelmoral!

    Heute, wie regelmäßig, wird wieder von Preisabsprachen von Firmen in der Zeitung berichtet, wieder wird der Bürger geschädigt.

    Wieder wird der Bürger getäuscht und betrogen.
    Das ist die bittere Wirklichkeit in unserem Land.

    Und nun soll der georgische Aggressor auch noch wirtschaflich unterstützt werden?
    Das ist pure Unmoral!

    Wir sind das Volk.

    Nicht Frau Merkel.
    Oder die Medien.

  4. […] Putin-Interview: Proteste zeigen Wirkung Am 2. September 2008 um 09:16 Uhr […] dass Kürzungen auf spezifische Sendeformate doch ganz […]

  5. Da Dick Cheney ja auch auf den Zug aufgesprungen ist und Georgien eine großzügige Unterstützung zugesagt hat, wird das alles auch nur wieder relativiert.