Claudia Klinger am 14. August 2022 — 0 Kommentare

Social Media: Experiment gescheitert?

Horst Schulte hat gestern den wohl kürzesten Post seiner Blogger-Karriere verfasst. In „Mein Reden“ zitiert er Nicole Diekmann, die das „Experiment Social Media“ für gescheitert erklärt und bedauert, dass es nicht „abgebrochen“ wird. Horst schreibt dazu:

„Schade, dass die Einsichten zwar reifen, aber -natürlich- ohne Konsequenzen bleiben. Dazu wäre echte Klugheit erforderlich. Und die findet man dort so gut wie nicht.“

Ist es wirklich so einfach? Und wäre ein „Abbruch“ (WER sollte den WIE durchführen?) wirklich „echt klug“?

Social Media waren nie ein Experiment, sondern die konsequente Weiterentwicklung hin zur Vereinfachung und damit zur Verallgemeinerung der Kommunikation im Internet. Man könnte es auch „Demokratisierung“ nennen, denn jetzt können nahezu alle mitreden, nicht nur technik-affine Kreise.

Kleiner Rückblick auf die Entstehung der „sozialen Medien“

In den 90gern musste man Webseiten per HTML selbst erstellen, Reaktionen auf die Inhalte kamen per Email und wurden – sofern es das Konzept vorsah – händisch eingepflegt, wobei „unangemessene“ Inhalte einfach nicht abgebildet wurden.

Weil der Code mit der Zeit immer komplizierter und mit Javascript immer mehr Interaktives möglich wurde, vereinfachten die Blogscripte das Vorgehen drastisch: Mit 3 Klicks zum eigenen Blog – das war WordPress und hat vielen ermöglicht an der neuen Kommunikationswelt teilzunehmen.

Doch auch WordPress wurde zunehmend komplizierter, beim Kommentieren gab es immer mehr und noch dazu unterschiedliche Hürden, was letztlich dazu führte, dass die Leute massenhaft zu den neu entstandenen „sozialen Medien“ wechselten. Einmal drin, gibts keine Hürden mehr. Man kann einfach drauflos schreiben, um die Technik kümmert sich die Plattform. Eigentlich eine gute Arbeitsteilung, denn kaum jemand hat noch Lust, sich aufwendig in Dinge einzuarbeiten, die mit dem Bedürfnis, sich öffentlich zu äußern, fast nichts zu tun haben.

Unvermeidliche Sündenfälle

Wären die Plattformen vom Start weg kostenpflichtig gewesen, wäre aus ihnen nichts geworden. Weil sie aber finanziert werden müssen, sorgen Algorithmen dafür, die „Verweilzeit“ zu verlängern, damit platzierte Werbung auch gut gesehen wird. Das tun sie, indem besonders aufregende Inhalte bevorzugt werden, weitmöglichst entlang an den Interessen der User. Trotz vieler Maßnahmen zur Eindämmung schädlicher Effekte (Richtlinien, Moderationsteams, staatliche Gesetze und Melderegeln) ist interessenspezifische Werbung bis heute die Hauptsäule der Finanzierung – mit Abstand, denn die Zeiten des zügellosen Investorengeld-Verbrennens sind vorbei.

Als Sündenfall lässt sich auch ein weiteres Hauptmerkmal der „sozialen“ Medien beschreiben: Die asymetrische Kommunikation. In der alten Kommunikationswelt (Blogs, Foren) trafen sich diskussionswillige Menschen zu spezifischen Inhalten. Jetzt folgt man Personen und bekommt somit zwangsläufig alles mit, was diese verlautbaren, auch wenn es – grundsätzlich – gar nicht interessiert. Das Ergebnis ist eine Explosion möglicher Streit-Anlässe, mit denen die Vielen unterschiedlich umgehen:  Entweder rein ins Vergnügen öffentlicher Auseinandersetzungen oder stumm schalten bis blockieren, oft begleitet von Anmerkungen dazu und „Block-Empfehlungen“, die wiederum Andere auf die Spur setzen, wo es grade heftig zugeht.

Was tun gegen Hass und Hetze?

Die Auswüchse der „neuen Streitkultur“ sind hinreichend bekannt, die muss ich hier sicher nicht nochmal referieren. Die bisher  eingesetzten Methoden (Richtlinien, Moderationsteams, Melden und Anzeigen, prominente Platzierung „richtiger“ Fakten) kommen letztlich nicht vollständig dagegen an. Die viel diskutierte Klarnamenpflicht würde berechtigten Interessen an Anonymität widersprechen, zudem erleben wir ja, dass Leute zunehmend auch unter eigenem Namen unterirdische und sogar rechtswidrige Dinge posten. Besonders schlimm sind die Weiterungen über die S-Medien hinaus: Hass und Hetze führten zu Morden und Selbstmorden, die als „Weckrufe“ ein breites Echo erfahren – aber auch mit Folgen?

Ja, es gibt Folgen, wenn auch noch nicht genug. Das Netzpiloten-Magazin referiert im Artikel „Hate Speech in den Sozialen Medien“  bisherige Maßnahmen (z.B. das Gesetzpaket gegen Hass und Hetze, zeigt Gründe für die Probleme beim Vorgehen gegen die Auswüchse auf und benennt Strategien im Umgang mit Hass.Postings. Nichts Grundstürzendes, aber immerhin etwas. So gibt es mittlerweile mit HateAid eine gemeinnützige Anlaufstelle, die kostenlose Beratung und Prozesskostenübernahme für Betroffene digitaler Gewalt anbietet und unter anderem vom Justizministerium gefördert wird.

Sehr viel Kritik auf sich gezogen hat letztens die Initiative der NRW-Ministerin Paul, die auch Vorfälle „unterhalb der Strafbarkeitsschwelle“ erfassen will:

„Die Landesregierung setzt sich konsequent gegen Antisemitismus und jede Form von Diskriminierung, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Hass ein. Aus diesem Grund richtet das Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen ein bundesweit einzigartiges Netz in Form mehrerer Meldestellen ein, die Vorfälle auch unterhalb der Strafbarkeitsgrenze erfassen, analysieren und dokumentieren.“

Die Angriffe („Stasi!“) waren erwartbar, doch fraglich ist aus meiner Sicht auch der Zweck der umfangreichen Implementierung dieses Meldewesens mit vielen neuen Stellen bei verschiedenen Trägern für Analyse und Forschung. Dazu heißt es lediglich:

„Damit bekommen wir ein noch umfassenderes Bild und können wichtige Schlüsse für Intervention und Prävention ziehen“.

Das klingt recht dünn und wird vermutlich keinen einzigen Hasskommentar verhindern. Intervention „unterhalb der Strafbarkeitsschwelle“? Was könnte das sein? Zur Prävention fällt mir auch nichts ein, denn „Hater“ wird es immer geben.

Fazit: unzureichendes Stückwerk

Wir werden weiter damit leben müssen, dass alle Maßnahmen gegen Hass und Hetze im Netz Stückwerk bleiben, solange nicht ein „Weltstaat“ die Dinge durchreguliert. Dass wir den in den kommenden Jahrzehnten nicht erleben werden, erscheint mir als ziemlich sicher. Uns bleibt vorerst nur die Prävention durch persönliches Verhalten: Ignorieren, Diskutieren, Ironie, Blocken – oder eben Auszeit und  Rückzug, wenn es unaushaltbar wird. Mir selbst ist in 15 Twitterjahren nichts Schlimmes passiert, was aber daran liegen mag, dass ich auf „Streitpotenziale“ allenfalls sachlich reagiere, wenn überhaupt.

Abschaffen, abschalten, tot regulieren möchte ich die „Sozialen Medien“ jedenfalls nicht. Hass und Hetze sind ein großes und wichtiges Thema, das leider die vielen positiven Folgen, Ereignisse und individuellen Möglichkeiten dieser Art Kommunikation aus dem Blick geraten lässt. Die gibt es aber auch, immer noch und immer wieder neue. Auf sie will ich nicht mehr verzichten, doch ist dies nicht die Stelle, sie zu beschreiben. Der Artikel ist wahrlich schon lang genug!

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Dieser Artikel erschien zuerste im Digital Diary.

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