Claudia Klinger am 22. Oktober 2009

Vom Eigennutz beim Bloggen

Wer glaubt, es werde jetzt vornehmlich ums Geld verdienen im Internet gehen, irrt! Es geht vielmehr um die gute alte Blogosphäre und die sich wieder mal häufenden Klagen über das Wegsterben bzw. lange Pausieren vieler Blogs. Tim Gramberg hat dazu sogar eine „Blogparade gegen Blogmüdigkeit“ gestartet, Tanja, das „Crazy Girl“ will den müden Bloggern mit einem Arschtritt aufhelfen, der StyleSpion ermunterte zur Aktion „Ein Herz für Blogs“ und Thomas startete auf Blogger World gar eine Serie mit dem depressivern Titel „Des Bloggers Last ist das Bloggen“.

Als Reaktionen liest man Rechtfertigungen der verstummten oder aussetzenden Blogger (keine Zeit, andere Prioritäten, werde mich am Riemen reissen..). Man sucht Gründe für die Motivationsmängel und es wird sogar die Frage diskutiert, ob man „verschwundene“ Blogger anrufen soll und ausfragen, was denn nun los sei.

Das alles wird nichts daran ändern, dass das Blogsterben weiter geht, denn bloßes Beschwören guter alter Zeiten, Auffordern und Ermuntern ändert ja nichts an der Tatsache, dass den jeweiligen Schreibern die Lust an der Sache abhanden kommt, wenn das anfängliche Motiv verblasst und ein einfaches „weiter so“ zur lästigen Pflicht wird.

Das Bloggen muss dir selber NÜTZEN!

Als eine, die seit 10 Jahren im Digital Diary „bloggt“ (es hieß früher ja nicht so…) und dazu noch vier Themen-Blogs ins virtuelle Leben rief, die noch immer bestehen, will ich ein paar Tipps zur Diskussion beisteuern, wie man die Motivation behalten, bzw. immer wieder neu finden kann.

  • Schreibe vor allem über das, was dich wirklich interessiert! Wer nur eine hohe Posting-Frequenz aufrecht erhalten will, wird das nicht lange durchhalten. Nutze das Bloggen als Medium, deine eigenen Fragen an das Leben und die Welt zu beantworten – und darüber (falls gewünscht) mit anderen ins Gespräch zu kommen. Artikel, die mit Herzblut und echtem Engagement geschrieben sind, machen schon beim Schreiben Freude – dass sie gelesen und kommentiert werden, ist dann nur ein nettes Sahnehäubchen, kein Muss.
  • Für bloße Infos und News gibt es mittlerweile Twitter und andere Kanäle: nutze sie zum schnellen Austausch und zur Inspiration, aber versuche nicht, auf jedes Thema mit dem Blog „aufzuspringen“, bloß um dabei zu sein (man kann ja statt dessen die eigenen Tweets in einem Kasten auf dem Blog anzeigen).
  • Picke aus den tausend Themen, die dir begegnen, die Perlen heraus und mach daraus Artikel, die einen Mehrwert hinzu fügen: eine gute Zusammenfassung und die eigene Sicht der Dinge zum Beispiel. Bloße Me-To-Beiträge sind langweilig – für dich UND die Leser.
  • Wenn du eine gewisse Frequenz einhalten willst, hab‘ den Mut, sie locker genug zu fassen: es gibt keine Vorschrift, wie OFT jemand bloggen sollte: täglich, zweimal wöchentlich, alle zwei Wochen… Hauptsache, du hältst die Frequenz „so ungefähr“ durch. Ein Blog, das einmal im Monat einen tollen Artikel bringt, hat genauso seine Berechtigung und findet seine Leser wie solche, die dreimal täglich was Neues melden;
  • Werde dir immer wieder mal klar, was du mit einem Blog konkret willst! Von allem ein bisschen ist ein Rezept dafür, schnell die Lust zu verlieren. Es ist schließlich nicht mehr neu und „hipp“, zu bloggen – also musst du eine Antwort haben auf die Frage: Was bringt mir das? Gibt es diese Antwort nicht, hörst du eben auf!
  • Wenn du ein Blog zu einem Thema führst, das dich nur eine Zeit lang interessiert hat, jetzt aber nicht mehr so sehr, denn entscheide dich: Gib es auf oder mach daraus ein kommerzielles Projekt. Als solches ist es dann ANDERS motiviert als als „just-for-fun-Blog“ und du kannst in die spannende Welt der unternehmerischen Projektentwicklung einsteigen – natürlich nur, wenn dir das Spass macht!
  • Versuche, immer wieder in den Abenteuer-Modus des Schreibens und Bloggens zu kommen! Wichtiger als alle „wie-man-gut-bloggt-Anweisungen“ ist deine eigene Freude an der Sache. Das gilt für Just-for-Fun-Blogs ganz genauso wie für kommerzielle oder „hybride“ Blogs: wenn es keinen Spass mehr macht, wird es auch nichts bringen, sondern nur das Web mit weiterem überflüssigen Pseudo-Content vermüllen.

Eine Grundfrequenz mit wenig Aufwand als Basis

Das Webwriting-Magazin, in dem du gerade liest, war schon öfter kurz vor dem Aus: ich hab‘ keine Lust, es im Stil eines „angesagten“ rund-ums-Internet-Blogs ständig mit irgendwelchen aktuellen Inhalten zu füllen. Nur sehr gelegentlich kommt ein „richtiger“ Artikel, was alleine für ein Blog nicht reicht – jedenfalls nicht dazu, in den RSS-Readern zu bleiben und eine gewisse Leserschaft kontinuierlich zu binden.

Zum Glück kam ich auf die Idee mit den „7 WWMAG-Tipps zum Wochenende“, die mich jeweils gut zwei Stunden kosten. Da versammle ich die Themen, die mir in der jeweiligen Woche persönlich wichtig waren und kommentiere sie auch mit ein paar Sätzen. Normal kommen die Tipps am Freitag, manchmal auch erst Samstag – aber sie kommen! Und seitdem dieses „Format“ hier regelmäßig erscheint, sind die RSS-Abos konstant bzw. in leichtem Steigen begriffen. Die Regelmäßigkeit dieser Tipps als verlässliches Minimum, das man vom WWMAG erwarten kann, hält quasi eine Basis aufrecht, die mir erlaubt, dann ab und zu längere Artikel zu platzieren: dann, wenn ich dazu Lust habe und mir ein Thema genug „auf den Nägeln brennt“.

Die Tipps zu verfassen ist ebenfalls eine Lust, denn es tut richtig gut, sich einmal die Woche Zeit für eine solche Rückschau zu nehmen und sich zu fragen: Was war mir von all dem Zeug wichtig? Was sollte NOCH MEHR Aufmerksamkeit bekommen?

Hau weg den alten Kram!

Noch ein letzter Gedanke zum Blogsterben: ich fände es gut, die Blogs, die gar nicht mehr betrieben werden, würden auch irgendwann verschwinden. Immer wieder bei Recherchen auf Blogs zu landen, deren letzter Eintrag im Jahr 2007 datiert, ist nervig und frustrierend. Warum nicht den Mut zum Löschen aufbringen? Evtl. wächst dann ja die Lust, mal wieder was NEUES anzufangen umso mehr.

Diskussion

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17 Kommentare zu „Vom Eigennutz beim Bloggen“.

  1. Hallo Claudia,
    vielen Dank für die Nennung meines Artikels. Depressiv naja da kannst du Recht haben so ein bischen schwingt es da mit. Es ist immer wieder die Selbstdiziplin die den inneren Schweinehund nicht besiegt. Wenn wir einfach das machen woran wir Spaß haben wird es sich auch schnell auf die Artikel übertragen und auch auf die Leser. Gibt es was schöneres wie einen Artikel zu lesen der einen Schmunzeln läßt? Dein Aufruf zum säubern ist schön :-) da sollte man doch mal was großes draus machen. Wieviele suchen noch Domains welche durch sowas geblocked werden. Freu mich wenn du lange und kurze Artikel schreibst. Hast einen neuen Feedreader mehr :-) Gruß Thomas

  2. @Thomas: freut mich! Ich vermute aber mal, eine „Löschaktion“ wird kaum Erfolg haben, denn die Leute behalten die Webleichen im Gedanken: ich könnte ja nochmal Lust kriegen…

    „Es ist immer wieder die Selbstdiziplin die den inneren Schweinehund nicht besiegt.“

    Würde ich allein auf Selbstdisziplin bauen, hätt ich das Bloggen lange gesteckt! Die Selbstdisziplin, die m.E. nötig ist, muss sich NICHT auf das Bloggen selbst (=ich SOLLTE dreimal pro Woche…) beziehen, sondern darauf, sich in gewissen Abständen Zeit zu nehmen, um ein neues Mal auf „die Suche nach dem Kick“ zu gehen!

  3. „Warum nicht den Mut zum Löschen aufbringen?“

    Weil in den alten Blogs eventuell noch interessante Artikel zu finden sind, die auch andere Leute interessieren. Das kann man anhand von Zugriffsstatistiken ermitteln und die Einträge sollten dann nicht grundlos gelöscht werden.

    Denn wie man weiß: Cool URIs don’t change (http://www.w3.org/Provider/Style/URI).

  4. Liebe Claudia,

    in vielem stimme ich zu, aber in punkto Löschen schließe ich mich joschi an: Inhalte verlieren nicht an Relevanz, nur weil jemand nicht mehr am Blog weiterarbeitet. Ich bin froh, dass viele solcher Inhalte immer noch im Web zu finden sind, auch wenn der Blogger nicht mehr weiterbloggt. Wäre sehr schade, wenn es die plötzlich nicht mehr gäbe. Manchmal packt es einen ja wieder – so wie mich jetzt mit dem Magazin „Mephistopheles“ nach 10 Jahren Pause, es wird bald wiederkommen.

  5. Hallo Claudia, das Thema hat mich in etwas anderer Fokussierung gerade in einem Post beschäftigt. Vielleicht kann man sich durch ein Blog selbst disziplinieren, an dem dranzubleiben, was einem Spaß macht, nämlich zu schreiben. Bloße Selbstdisziplin ist demgegenüber für nichts gut. Und bevor hier zu viel übers Löschen geredet wird: Das Miteinander-ins-Gespräch-Kommen über Themen, die man selbst vorgeben durfte, ist natürlich eine wunderbare Sache!
    Gruß urb

  6. Danke auf für die Nennung :-)
    Ich finde die toten Blogs übrigens auch ziemlich nervig und gebe meinen Vorrednern hier nicht uneingeschränkt Recht. Sicherlich ist was dran, dass Artikel nicht immer an Relevanz verlieren mit der Zeit, trotzdem nervt es, in einem verwaisten Blog zu landen. Da antwortet in der Regel ja auch kaum mehr jemand und das ist für mich vergleichbar mit einem leeren Lokal, wo sich der Wirt aus dem Staub gemacht hat :-)

  7. Na klar, wenn in einem Blog noch Inhalte stehen, die weit über den Tag hinaus mit Gewinn gelesen werden können – DANN wär es blöd, die zu löschen.

    Ich treffe allerdings oft auf tote Blogs, wo nur jemand mal 10 kurze Einträge verteilt über 3 Monate gemacht hat – zu irgend einem neuen Gadjet, einem Klamottenkauf, dann die Info, dass er jetzt in Urlaub fährt, dass er wieder da ist, was er grade für Musik gut findet – und das wars.

    Davon gibt es MEHR als man denkt – und ja, ich finde, die könnten weg! :-)

    @urb: die Freude am Schreiben steht ja bei vielen gar nicht so im Vordergrund beim Bloggen. Es kann auch um Kommunikation gehen, um das Erarbeiten eines Themas (und ums dran bleiben), um den Versuch, auf irgend einer Ebene EINFLUSS zu gewinnen, um die Freude am Experiment und vieles mehr.

    Was das Schreiben angeht, so kann die Freude daran diejenigen, die sie empfinden können, weit tragen und lange motivieren. Und ein Blog ist dann tatsächlich eine angenehme „Diszplin“.

    Ich schreibe schon immer gerne, doch brauch‘ ich dazu auch einen spannenden Inhalt, der mich wirklich interessiert. Den immer wieder zu finden, ist das, worauf es für mich ankommt. DAvon hängt ab, ob ich weiter mit Freude blogge oder nicht.

  8. Hallo zusammen,
    ich finde auch die Blogs die Einfach nur mal kurz betankt werden sollten dann irgendwann mal wieder freigegeben werden. Es gibt sicher einige die sich der Sache annehmen und dann neuen Wind in die Szene bringen. Alte Blogs die viele Artikel haben besitzen sicherlich ihr Recht auf bestehen. Doch muss man da genau drauf achten. Die kleingepflegten blokieren nur die Sumas und bringen verärgerte Leser, da sie meist auch noch aus Spambeiträgen leben.

  9. Sehr schöne Zusammenstellung. Vielen Dank dafür!

    Eine Sache kann ich allerdings nicht unterschreiben: Wenn einen das Thema nicht mehr interessiert, sollte man auf gar keinen Fall versuchen, das Blog zu kommerzialisieren. Das geht daneben. Ich sage nur: extrinsische Motivation ;-) Das funktioniert nicht lange und gerade wenn man kommerziell erfolgreich sein will, muss man oft eine lange Durststrecke durchstehen, bis es sich wirklich lohnt – falls das überhaupt jemals passiert. Und das übersteht man nur, wenn man Lust drauf hat.

    Mein Tipp noch: Das verstärken, was gut funktioniert und das weglassen, was nicht gut funktioniert. Und dabei muss man sich ganz klar davon freimachen, was man selbst mal als Idee oder Plan im Kopf hatte. Einfach ganz nüchtern schauen, was praktisch von allein schon läuft und da dann mehr Energie investieren. Oft verschwendet man seine Kraft mit Dingen, die einfach nicht ins Rollen kommen wollen.

  10. @Jan – im Prinzip geb ich dir Recht. Ich schrieb ja auch „nicht mehr so sehr“ und nicht „gar nicht mehr“.

    Bevor ich das Digital Diary anfing, führte ich 1998 ein „Nichtrauchertagebuch“ – das erste seiner Art. Als ich das Thema für mich persönlich durch hatte und es mich nun weniger interessierte, beendete ich es und startete 1999 das Digital Diary. Denn durch das Nichtraucherprojekt hatte ich die Freude des chronologischen Schreibens in Kommunikation mit den Lesern für mich entdeckt! (die damals noch per Mail und händisch ins Werk gesetzt wurde).

    Für mich ist das ein typisches Beispiel: wer interessiert sich schon SELBER quasi „lebenslänglich“ für so ein Thema? Gleichwohl hat man dann eine Menge Content, eine Leserbasis und ein Thema, das immer wieder viele Leute interessiert – wär es nicht 1998 sondern 2008 gewesen, hätte sich das zur Professionalisierung/Kommerzialisierung gut geeignet. Die Motivation wär nicht mehr das Interesse am Thema selbst gewesen, sondern das an der Projektentwicklung zwecks Einkommenserwerbs – und in einem Sektor, den man nach wie vor als nützlich und sinnvoll ansieht, auch ohne selbst noch in der „Abgewöhnphase“ zu sein.

    Im übrigen hätt ich vielleicht nicht wieder angefangen zu rauchen, hätte ich damals diesen Weg gehen können! :-)

  11. hmm… ich kann verstehen, dass blogs mit irrelevanten inhalten, die nie richtig ins laufen kam und nun als „leichen“ im web stehen, nerven – aber ich sehe solche eher selten, werden die nicht sowieso von den suchmaschinen „bestraft“, weil die nach verlinkung (= relevanz) und aktualität (= regelmäßige updates) sortieren? wenn so ein verwaistes blog mit wenigen und noch dazu irrelevanten einträgen wirklich wertvolle suchmaschinenränge blockieren kann, stimmt was nicht mit dem algorithmus der suchmaschine. ;-)

    auf dem eigenen webspace kann sowieso jeder machen, was er will – und fremdgehostete blogs werden wohl oft auch deshalb verlassen, weil die leute das passwort nicht mehr wissen oder das blog vergessen haben. und der betreiber schließt den account dann wohl nicht, weil eine hohe anwenderzahl besser klingt in der pressemitteilung.

    nebenbei: ich lade in fotolog.com auch nichts mehr hoch, referenziere aber doch immer wieder alte fotos und sehe sie auch immer wieder mal an und wäre traurig, wenn mein fotolog plötzlich nicht mehr da wäre, nur weil ich den bilderreigen dann woanders fortgeführt habe, und zwei jahre später wieder woanders. das sind verschiedene „bücher“ eines onlinelebens, die geschichte wurde von server zu server weitererzählt. für den einen relevant, für den anderen nicht. wer weiß, bei wie vielen blogs es ähnlich ist.

  12. Eigene Gedanken,
    gerade noch notiert von jemand anderem – nachdem ich meinen Ermüdungserscheinungen (mal wieder der vermaledeite Blick auf die aktuellen Einschaltquoten) endgültig zu erlegen droh(t)e …

  13. […] Gibt es ein ein deutsches  Blogsterben? Oder kommt es manchen nur so vor? Zumindest werden Aufrufe gestartet, die “Blogosphäre” wieder zu beleben. Details bei Claudia Klinger. […]

  14. […] Vom Eigennutz beim Bloggen Schöner Artikel zur Motivation beim Bloggen […]

  15. Toller Artikel. Stimme dir da zu. Aber das mit dem Löschen fällt einem dann doch schon nicht so leicht. Wenn es ein Projekt gibt, bei dem man vor Monaten / Jahren mal richtig viel Arbeit reingesteckt hast, ist es nicht so leicht die ganzen Inhalte aus dem Netz zu nehmen :D
    Vielleicht tut es ein Relaunch ja manchmal auch :)

  16. […] Die Blogs der Welt bilden die Blogosphäre und bereiten einigen Bloggern echte Grübelei. Es liest sich so, als habe der Trend zum Blog sich überlebt und die verwaisten Blogs machen manchen Bloggern sogar ein bisschen Angst. Es geht vielmehr um die gute alte Blogosphäre und die sich wieder mal häufenden Klagen über das Wegsterben bzw. lange Pausieren vieler Blogs. – WebWriting-Magazin […]

  17. Ja, ich denke, jeder der bloggt soll sich seine eigene Welt erbloggen…damit meine ich im ganz besondern, die Welt aus seiner Sicht zu beschreiben. Den Ideen sind da keine Grenzen gesetzt. Man kann sich stolz fühlen auf das, was man auf seiner Seite kreirt hat. Bilder, Labels, Sprpüche, und vieles mehr…