Claudia Klinger am 09. Dezember 2010

Wikileaks zeigt die wahre Welt…

…nämlich eine Welt, in der Unternehmen nach Gutdünken bzw. in vorauseilendem Gehorsam missliebigen Sendern die Konten und Server kündigen. Aber auch eine Welt, in der das nicht mehr viel nützt, weil bereits über 1200 Seiten die „Cables“ spiegeln. Eine Welt, aus der das „Whistleblowing“ nicht mehr zu entfernen sein wird, sondern im Gegenteil zu einer Mainstream-Methode wird.

Wikileaks zeigt auch ein Deutschland, in dem viele nicht mehr wissen, was Pressefreiheit ist. In fast jeder Kommentarstrecke eines Mainstream-Mediums melden sich Redner zu Wort, die meinen, Wikileaks handle illegal und verrate Staatsgeheimnisse. Dies durchaus unter Artikeln z.B. vom SPIEGEL, der genau diese „Staatsgeheimnisse“ vorab sichten durfte und nun Häppchen-weise veröffentlicht. Und in einem Land – unser „Schland oh Schland“ – in dem die Rechtslage GLASKLAR ist, wie Udo Vetter (LawBlog) mittels Zitaten des Bundesverfassungsgerichts eindeutig belegt.

Ganz direkt zeigt Wikileaks, wie die Mächtigen dieser Welt miteinander umgehen, welche Kluft oft genug zwischen ihren wahren Gedanken und dem liegt, was öffentlich mitgeteilt wird. Dass auch diese Wahrheiten umstritten sind, zeigt die Liga der Verschwörungstheoretiker, die grundsätzlich ALLES als geschickten Schachzug übermächtiger Mächte ansehen: selbst Veröffentlichungen, die ihnen definitiv schaden. Andere feiern Wikileaks als Retter der Demokratie und zeigen, wie weitgehend ehemals journalistische Standards bereits in Vergessenheit geraten sind.

Was gerade statt findet, bezeichnen immer mehr Medien und Menschen als „Cyberwar“ und man diskutiert das Arsenal des digitalen zivilen Ungehorsams. Sind DDos-Attacken gegen jene legitim, die Wikileaks ihre Ressourcen entziehen, ganz ohne jegliche Beteiligung von Gerichten? Kann und soll man Amazon, Paypal & Co. (gar Twitter?) boykottieren? Hier zeigt der Krieg um Wikileaks, wie abhängig wir alle im täglichen Leben von solchen Privatunternehmen sind: es ist eben KEIN öffentlicher Raum, den sie zur Verfügung stellen. Jederzeit können sie alles rauswerfen, was ihnen gerade nicht in den Kram passt.

Doch siehe da: es wird bereits an einem „alternativen Internet“ gebastelt, das nicht einmal mehr von den wenigen, vornehmlich in den USA stehenden DNS-Servern abhängig sein soll. Der Geist ist aus der Flasche und kann nicht mehr zurück geholt werden – genau wie im Märchen.


Flattr this

Diskussion

Kommentare abonnieren (RSS)
10 Kommentare zu „Wikileaks zeigt die wahre Welt…“.

  1. In der Tat. Zu viele haben die Freiheit des Netzes kennengelernt und sind nicht mehr bereit sie aufzugeben. Wir können froh sein, dass die Verwaltungsetagen zu Zeiten des Web 1.0, als viele Nerds schon längst das gesellschaftliche Potenzial der digitalen Vernetzung erkannt hatten, noch von „Datenautobahnen“ faselten und sich dabei natürlich auch irgendeine neue Art von Datenverkehrsordnung vorstellten. Denn sie gingen davon aus, dass das Netz ebenso wie andere große Infrastruktursysteme (Straßen, Eisenbahn, Telefon, Rundfunk) staatlich oder von wenigen Anbietern (Telekom usw.) „betrieben“ wird. So konnte sich das Web weitgehend unerkannt bis zu seiner heutigen Stärke entfalten. Tja, zu lange in der Nachkriegssonne gepennt. Jetzt ist sie da, die neue Macht, die kein rechtsfreier Raum ist, aber auf die auch nicht ohne weiteres das Recht von Räumen anwendbar ist, zu denen es gar nicht gehört. Eine Art Ozean ist entstanden, aber nicht schön weit weg, sondern mitten unter uns. Nicht aus Wasser, sondern aus Bits.

    Allerdings ist es wichtig, jetzt auch tatsächlich in die „demokratische Ausfallsicherheit“ des Netzes zu investieren. Denn das Netz ist durchaus noch verwundbar. Ein paar Cisco-Zentralen abschalten, oder das Transatlantik-Kabel durchschneiden, und schon wäre vom gegenwärtigen Internet nicht mehr viel übrig. Für US-Militärs wäre das keine große Aktion, wenn sich die USA tatsächlich mal durch das Netz bedroht sehen würden. Andererseits wäre ein solcher Totalschlag gegen die Netzinfrastruktur ebenso selbstzerstörerisch wie ein atomarer Erstschlag. Denn die gesamte Wirtschaft ist längst so abhängig vom Netz, dass sie praktisch mit zusammenbrechen würde.

    Erinnerst du dich noch an diese Diskussion im früheren Webkompetenz-Forum: http://goo.gl/02SVD ? Was da derzeit abläuft, passt eigentlich ziemlich genau ins dort skizzierte Szenario.

    viele Grüße
    Stefan Münz

  2. Gibt es wirklich nur EIN Transatlantik-Kabel?

    Kurz nach den Cable-Veröffentlichungen und der harschen Reaktion der USA hab ich zum ersten Mal gedacht: sie werden doch wohl nicht noch das Internet abschalten!?

    Aber ich denke wie du, dass das aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr geht. Zu vernetzt sind alle Unternehmen, zu weit fortgeschritten die Globalisierung..

    Alles in allem: eine spannende Zeit!

  3. Ich bin weit weg davon, Ahnung zu der Materie zu haben, aber ich denke einmal, das man sich mit dem Veröffentlichen von eindeutig vertraulichen Gesprächen auch bei uns auf einem mindestens wackeligen Terrain bewegt. Wären es meine Gespräche, würde ich das zumindest stark hoffen, das ich etwas dagegen tun kann.

    Das kommerzielle Serverplatzanbieter sich da absichern wollen, kann ich durchaus verstehen.

    Alles unabhängig von (m)einer Wertung der Arbeit Wikileaks gegenüber.

  4. @Claudia: ich habe keine Ahnung, wie viele Kabel da im Meer verlegt sind, aber bei gut 6000 km Länge wird man wohl kaum Dutzende oder Hunderte davon verlegen.
    Es gibt zwar mittlerweile auch andere Übertragungswege, etwa Satelliten. Doch würde so was wie der transatlantische Backbone nicht mehr funktionieren, würden die Satelliten den plötzlich über sie umgeleiteten Traffic sicher nicht verarbeiten können. Das Netz würde zwar nicht ausfallen, aber einfach lahmgelegt.

    viele Grüße
    Stefan Münz

  5. WikiLeaks könnte ein schöner Schlusstrich unter die traurig verkommene Medienrealität und Politikverdrossenheit unserer Tage sein und so einen Anfang zu etwas Neuem, nicht gänzlich Unbekanntem sein. Informationsfreiheit, Transparenz..das klingt toll und dennoch darf man sich nicht zu früh freuen. So wenig sich Menschen, die es warm haben und etwas zu essen haben für Revolutionen oder wenigstens Revolten interessieren auch wenn diese so notwendig wären interessieren, so wenig könnten sie sich auch für die Verbesserung der Medien interessieren.
    Das alles wird sich erst noch zeigen müssen. Noch ist nichts entschieden.

  6. @Cräcker: so lies doch bitte mal den Artikel von Udo Vetter! Da ist überhaupt nichts UNKLAR – es wird nur von interessierten Kreisen gern so hingestellt!

  7. Nun mag sich ja Herr Vetter auskennen. ich kenn mich nicht darin aus, aus welchen Ländern die Rechtsberater der Firma Amazon rechtliche Schwierigkeiten befürchten, wenn sie unautorisiert veröffentliche persönliche Gespräche auf ihren Servern lassen. Ob Herr Vetter sich da genau auskennt, entzieht sich auch nach der Lektüre meinem Kenntnisstand. Mag sei, mag auch nicht sein.

    Ausserdem stehen sich viele Seiten „im hinstellen“ meiner Erfahrung nichts nach. Auch im Netz „ist immer allen sofort alles ganz klar“ und das nicht selten in großen Buchstaben. Gut und böse ist immer so übersichtlich hier verteilt. Das macht mich für mich selbst eben doch immer stutzig.

  8. Was definitiv klar ist, ist die Pressefreiheit – deshalb hab ich den Vetter-Artikel gepostet, der die dazu ergangenen höchstrichterlichen Entscheidungen zitiert.

    Es ist NICHT rechtswidrig, zugespielte Geheimdokumente zu veröffentlichen. Wäre dem so, könnte man die ganze Pressefreiheit in die Tonne treten! (Was viele wohl auch gerne hätten)

    Dass übrigens die Weiter-Betreiber des Afghanistan-Kriegs SELBST der Meinung sind, dort gäbe es „kein Licht am Ende des Tunnels“ ist nur EIN Beispiel für die Relevanz der geleakten Infos.

  9. Naja, wir reden hier von der Rechtsfrage in unserem Land, oder? Auch da könnte ich mir vorstellen, das im vorliegenden Fall der eine oder andere Richter einer Firma gegenüber noch die eine oder andere Interpreationsüberaschung vorlegen könnte und das Rechtsberater ihre Firma entsprechend beraten, diese Schlingel.

    Wie es dann aber in anderen Ländern ausschaut, von denen eine Firma sich Ärger einhandeln könnte, entzieht sich mir da nun vollkommen meiner Kenntnis.

    Ich habe aber genug Phantasie, um zu vermuten, das es den einen oder anderen Rechtsverständigen, selbst in einer Kommerziell ausgerichteten Firma, gibt, der einfach der Meinung ist, das diese Sache nicht so glasklar rechtlich unbedenklich für besagte Firma ausgehe, wie Herr Vetter das schreibt.

    Ich weiß, im Netz gibt es eine Menge Leute, die da rechtlich plötzlich sehr versierter als meine Wenigkeit sind, die hauen auch ihre Meinung entsprechend vehement raus. Das ist eben nicht mein Ding.

    Ich will damit nicht behaupten, Amazon sei nicht ängstlich vorauseilend aus Angst vor Druck eingeknickt. Aber ich kann auch noch nicht behaupten, das sie es wären. Vermuten mag ich das eine oder andere. Das langt bei mir aber nicht zur Abstraf-Aktion.

  10. […] hier den Originalbeitrag weiterlesen: 15 – Wikileaks zeigt die wahre Welt… […]