Claudia Klinger am 18. Juni 2013

SZ-Recherche: ein Versuch, den Journalismus neu zu erfinden

Wie fremdenfreundlich/-feindlich ist Deutschland? Wie gerecht ist das deutsche Steuersystem? Was muss Deutschland für Eltern und Kinder tun? – Das waren die drei Fragen, die im neuen Format „SZ-Recherche“ zur Leser-Abstimmung standen. Das Gewinner-Thema „Steuergerechtigkeit“ wird nun einen Monat lang journalistisch bearbeitet und die Ergebnisse in einer Artikelserie auf der SZ veröffentlicht. Auch die Fragen wurden nicht von der Redaktion vorgegeben, sondern ebenfalls aus Leser-Vorschlägen „extrahiert“. Während der Bearbeitung sind die Mitlesenden gefordert, „mitzuarbeiten“.

Mit der „Recherche“ verfolgt die Süddeutsche ein großes Ziel:

Das Experiment ist auf einige Monate angelegt und wird vielleicht sogar von Dauer sein, aber prinzipiell geht es uns um mehr als die reine Recherche. Wir wollen grundlegend herausfinden, wie wir mit Ihnen zusammen den Journalismus neu erfinden können. Die Entgrenzung von Sender und Empfänger bedeutet eben auch, dass wir Journalisten zu einem neuen Verhältnis zu Ihnen, den Leserinnen und Lesern, finden sollten, um nicht an Ihnen vorbeizuarbeiten.


Die „Recherche“ startete mit einem eigenen Twitter-Account, der seit dem 14.Juni 28 Tweets sendete (Stand 18.6., 10.58 Uhr). Mitdiskutieren kann man auch auf der FB-Seite der „Recherche“, zudem gibt es ein Blog zum Projekt.

Zu schnell für breite Aufmerksamkeit?

Das ambitionierte Projekt, das in Sachen Leserbeteiligung wirklich weit geht, hat – aus der Sicht meiner Filter-Bubble, na klar – bisher erstaunlich wenig Aufmerksamkeit bekommen. Auf Rivva (dankenswerterweise seit einiger Zeit von der SZ gesponsert) ergibt eine konkrete Suche nach „SZ Recherche“ zwar über 60 Funde, davon beziehen sich aber nur 4 auf das aktuelle Projekt. Zwei davon stammen von der SZ selbst, die beiden anderen verweisen auf rein berichtende Artikel bei Werben & Verkaufen, sowie auf Meedia.

Auf Twitter hat der Recherche-Account aktuell 487 Follower, seit dem Start am 14.Juni gab es 147 Resonanz-Tweets (=alle, in denen @die-recherche erwähnt wurde, abzgl. der SZ-eigenen Tweets), etliche von Personen, die sich mehrfach zu Wort meldeten. Nicht gerade überwältigend. Die Facebook-Seite der SZ-Recherche wurde bisher 480 mal geliked, „451 sprechen darüber“.

Es wundert, dass noch keiner der üblichen Verdächtigen, die ansonsten bei jeder Gelegenheit Artikel zum Thema „Was die Presse-Verlage alles falsch machen“ raus hauen, über das neue Format schreibt. Klar, es hat schon ähnliche derartige Versuche mit „Open Journalism“ gegeben, aber ansonsten ist doch auch jeder kleine Anlass ein Grund, in die Tasten zu hauen. Sind gute Ansätze vielleicht einfach uninteressant?

Oder ging alles viel zu schnell? Ich hätte mir jedenfalls eine längere Bekanntmachungs-, Vorschlags- und Abstimmungsphase gewünscht! Am 14. gestartet, stand am 17. (morgens!) das Thema Steuergerechtigkeit schon fest. Warum nur diese Eile? Will man fürs erste lieber nicht so viel Beteiligung?

Das Ergebnis des Themenvotings

„Tausende haben abgestimmt – insgesamt haben wir 6081 Votes registriert,“

verkündete die SZ am 17.Juni um 10.19 Uhr. Zur Auszählung der Leservorschläge aus den verschiedenen Kanälen (FB, Twitter, Blog, E-Mail) gibt es sogar ein für alle einsehbares Google-Doc, auf dem die Leservorschläge mit Zeitpunkt der Erfassung gelistet sind – leider ohne Angabe der jeweiligen Quelle (die könnte man mittels eines Kürzels wie FB, T, E, B für Facebook, Twitter, E-Mail, Blog in einer extra Spalte leicht noch festhalten!).

2421 Stimmen wünschten sich Steuergerechtigkeit bei der Abstimmung zwischen den drei zur Wahl stehenden Themen und stellten damit die Mehrheit. Dazu gibts nun auch das Hashtag #steuerrecherche.

Zukunft?

Man darf gespannt sein, wie sich die „SZ-Recherche“ entwickelt – inhaltlich und als Beteiligungsprojekt. Und noch etwas: Wer „im Auftrag der Leser“ arbeitet, wird doch irgendwann auch fragen, was diese Arbeit den Auftraggebern wert ist? Schließlich gehört auch die Finanzierung zur „Neuerfindung des Journalismus“ – oder etwa nicht?