Claudia Klinger am 01. Mai 2009

Die Krise: eine Chance fürs lokale Web?

Niemand weiß wirklich, was die Weltwirtschaftskrise uns noch an Veränderungen zumuten wird: in Deutschland ist das reale Befinden zwar noch komfortabel und – z.B. dank der breit genutzten Kurzarbeiterregelung – nicht wirklich katastrophal. Doch vermuten viele, dass das nicht so bleiben wird und im Web kann man jede Menge Untergangspropheten lesen, die allerschwärzeste Entwicklungen an die Wand malen:  Soziale Unruhen, Aufstände, allgemeines Chaos, Versorgungsengpässe, Hyperinflation mit folgender Währungsreform und allerlei Schrecklichkeiten mehr.

Oft habe ich den Eindruck, dass diejenigen, die die Dinge am allerschwärzesten sehen, geradezu Freude daran haben, solche Worst-Case-Szenarien an die Wand zu malen. Ihre Handlungsempfehlungen, sofern überhaupt vorhanden, gehen regelmäßig in die Richtung, sich mittels Bevorratung (manchmal sogar Bewaffnung!) für den absurden Kampf aller gegen alle zu rüsten – anstatt darüber nachzudenken, welche Möglichkeiten es gibt, durch gemeinsame Anstrengungen und solidarisches Handeln die Krise zu meistern: Yes, we can – dieser Geist ist leider hierzulande kaum anzutreffen!

Abgehoben ins Virtuelle

Während in den Mainstreammedien die Krise immerhin einen prominenten Platz in der Berichterstattung einnimmt, kreist die Blogosphäre nach wie vor um sich selbst, beklagt mangelndes Internet-Verständnis der Gesellschaft und kümmert sich – wenns doch mal konkret politisch wird – um Themen wie die unsäglichen Netzsperren gegen Kinderporno, das Urheberrecht und die Datenspeicherung. Ja, das ist unbenommen richtig wichtig, doch treffen diese Themen nicht den Nerv der Mehrheit der Bevölkerung: es sind die Anliegen derjenigen, die seit Jahren das Internet nutzen, um in einem schier unendlich scheinenden virtuellen Raum ein Leben zu führen, für das Otto Normalverbraucher noch immer wenig Verständnis hat.

SPREEBLICK schreibt dazu recht treffend:

„Das ist alles ohne Ironie schön und gut. Denn das Netz ist unser virtueller Ort, der Ort, den wir in den Debatten um Schäuble2.0 und Zensursula verteidigen wollen, weil wir hier gern sind. Wo, wenn nicht hier, sollen wir anfangen mit politischem Handeln? Was, wenn nicht das Netz als Rechtsraum könnte unser gemeinsames Thema sein?
Allein, und das ist die andere Seite, das interessiert keinen außer uns selbst.“

In der Krise wird alles FERNE teuer, knapp und vielleicht unerreichbar

Das Internet hat den physischen Nahraum für seine User zunehmend unwichtiger gemacht: Fernbeziehungen lösten Nahbeziehungen ab, man kauft im Webshop und nicht mehr im Laden um die Ecke. Es wird so viel herum gereist wie nie, denn die Freunde sind über die halbe Welt verteilt. Die lokalen Zeitungen verloren ihre Kleinanzeigen an überregionale Plattformen, die eine viel größere Auswahl bieten. Und wer noch ein Angestellten-Dasein führen will, muss oft genug mobil und flexibel sein: also der Arbeit hinterher ziehen, was dem Aufbau stabiler sozialer Beziehungen drastisch entgegen steht.

Ein solcher, vom konkreten Ort unabhängiger Lebensstil ist nicht gerade nachhaltig und könnte bei einer Zuspitzung der Krise zu weitgehender Isolation der vielen nur noch im Virtuellen verwurzelten Individuen hinter ihren Monitoren führen. Und wenn erst einmal der Warenstrom, der alles just in time und on demand ans Ziel bringt, spürbar stottert oder gar stockt, wird es richtig brenzlig!

Zurück auf den Boden der Tatsachen: die lokale Community

Bisherige Experimente mit dem lokalen Web kranken an der weitgehenden Interesselosigkeit der Netizens: mehr als ein paar Ausgeh-Locations, Kultur-Events, Restaurant- und Hotel-Adressen, um Besuch aus der Ferne unterzubringen, braucht ja kaum mehr jemand. Und ja, einen Partner hätte man schon auch gern in der Nähe, deshalb werben Projekte wie Townking.de auch mit der „100% Flirt-Garantie“.

Als ich kürzlich las, dass Robert Basic mit seinem neuen Projekt Buzzriders.com den LOKALEN RAUM erschließen will, dachte ich: ENDLICH macht einer mal Ernst mit dem Web 2.o in den „Dörfern“, in denen wir letztlich alle leben. Er beschreibt sein Vorhaben so:

Was ist Buzzriders?
Viele fragen, was denn nun Buzzriders werden soll. Konkret. Darauf gibt es eigentlich zwei Antworten: Grundsätzlich handelt es sich um das Bestreben, dem lokalen Leben und Erleben ein digitales Gegenüber anzubieten. Menschen ticken eben lokal. Sie kaufen lokal ein. Gehen lokal aus. Machen lokal Sport. Unterhalten sich auf lokaler Ebene. Kinder, Erwachsene, Mütter, Väter, Großeltern, Freunde, Verwandte, Bekannte, Nachbarn. Das, was wir bisher an Techniken und Gesamtlösungen im Netz anbieten, reicht mir nicht aus, um das Gefüge online genügend gut abzubilden und zu erweitern. Für mich gibt es keinen Zweifel mehr, dass der Mensch zunehmend das digitale Element nutzt, um sein Leben zu gestalten. Und er wird mit steigender Intensität das Netz für seinen lokalen Alltag nutzen. Einen Teil decken die Social Networks ab, einen Teil Mails und Chats, Foren und Blogs, usw. Doch den gesamtheitlichen Trend kann man aufgreifen und etwas anbieten.

Hört sich gut an! Allerdings: Das LOKALE LEBEN ist so ziemlich das Gegenteil von „Buzz“, nämlich im Normalfall ganz und gar nichts AUFREGENDES! Ihm fallen dazu denn auch erstmal nur Themen wie Ausgehen, Einkaufen (echt?), Sport, Unterhaltung und Kontakte zu Verwandten, Freunden und Nachbarn ein – nichts, was irgend jemanden vom Hocker reißt – und nichts, wofür man bisher eine virtuelle Vernetzung gebraucht hätte.

Kein Buzz nirgends – oder doch?

Lokale Themen interessieren meist nur wenige „Betroffene“ und das auch nur sporadisch, nämlich dann, wenns irgendwie brennt und wirklich nervt: groß angelegte Sanierungen alter Stadtteile, Neubauvorhaben, Verkehrsführung und Beruhigung, Begrünung/öffentliche Parks, Versorgung mit sozialen Einrichtungen, gelegentlich Kampf um kulturelle Freiräume, dazu Fragen zur „Sondernutzung öffentlichen Straßenlands“ (=dürfen Kneipiers Stühle & Tische raus stellen?). Das örtliche Kleingewerbe verteilt Zettel in Briefkästen oder lebt von der spärlichen Laufkundschaft, bzw. vom Handel in die Ferne (Ebay etc.) – und seinen Arzt findet man per mündlicher Empfehlung, in den gelben Seiten oder einer überregionalen Arzt-Suche.

Eigentlich spannende Initiativen, wie etwa die Tauschringe, dümpeln angesichts der Potenziale, die ihnen das Netz eröffnet, geradezu verstörend „in sich gekehrt“ vor sich hin. Wenn ich mir die Seiten eines seit vielen Jahren bestehenden Tauschrings in Berlin Kreuzberg anschaue, kann ich mich nur wundern, wie „netzfern“ das Ganze noch immer wirkt: das zentrale Tausch-Blättchen darf man sich ausschließlich als Mitglied in einem Passwort-geschützten Bereich herunter laden. Warum denn so abweisend und geheimniskrämerisch?

Die Krise als Chance

Anstatt lokale Web 2.0-Projekte hauptsächlich als interessante StartUps rund um Unterhaltung und Konsum anzudenken, schlage ich vor, sie mal ernsthaft durch die Krisen-Brille anzuschauen: Was werden Menschen brauchen, wenn die Lage ernster wird? Wenn DER STAAT nicht mehr alles löten kann, weil er schlicht kein Geld mehr hat? Wenn auch der Einzelne immer weniger Geld hat und die Bewegungsmöglichkeiten sich entsprechend verengen?

Das wird die große Stunde lokaler Neben-Ökonomie und wieder erwachenden Interesses am konkreten Umfeld sein: Tauschen, Handel mittels Verrechnungseinheiten, selbst organisiertes, nicht kommerzielles kulturelles Leben, gegenseitige Hilfe und Gruppenbildung zu verschiedensten Zwecken – nicht aus eher luxuriösem, gutwilligem Bürger-Engagement heraus, sondern aus schlichter Notwendigkeit.

Wer großformatig virtuelle Strukturen für die lokale Vernetzung entwickelt, sollte sie SO anlegen, dass derlei vielleicht demnächst lebenswichtige Nutzungen möglich werden. Das auch gleich so zu kommunizieren, ergäbe zudem ein „Alleinstellungsmerkmal“, das ein neues Mega-Projekt von den meist in Konkurrenz zueinander vor sich hindümpelnden Kiez-Portalen unterscheidet.

Diskussion

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6 Kommentare zu „Die Krise: eine Chance fürs lokale Web?“.

  1. danke für die Gedanken zum lokalen Web. Du fokussiert dabei auf ein Element, das zeitlich bedingt in den Vordergrund tritt. Ich kann jedoch kein Vorhaben auf die Beine stellen, dass auf temporären Ausschlägen beruht und das übergewichtig betont. Analogie:; Ich kann mit einem Hammer in Krisenzeiten ebenso wie in Blütezeiten einen Nagel in die Wand hauen. Sprich: Die Softwaretools müssen so gestaltet sein, dass sie genügend Freiheitsgrade erlauben, Menschen zusammenkommen zu lassen, zu welchem Zweck dann auch immer. Nenn es Kultur, die eine Social Place entwickelt. Von vornherein es nur zu einem Zweck zu formen, ist nicht weitsichtig genug geplant. Hoffe, ich war verständlich?

  2. Hi Robert, danke für dein Statement!

    Ich sehe das genauso und wollte keinesfalls einem NUR-FÜR-DIE-KRISE-Projekt das Wort reden – da war der letzte Satz wohl etwas missverständlich. Ich wünsch mir einfach einen erhöhten Stellenwert „ernsthafter Nutzungsmöglichkeiten“, die in Krisenzeiten vielleicht wirklich mal GEBRAUCHT werden. Und nach allem, was ich derzeit so lese, muss man wohl mit längeren Zeiträumen rechnen, in denen es weiter bergab geht. Ich hoffe ja selber, in diesem Punkt falsch zu liegen.

    Und ja: ich fokussiere auf das, was m.E. fehlt, bzw. beim planen immer gerne hinten runter fällt, weil es erstmal nicht sexy erscheint…

  3. der Punkt, den Du nennst, ist in der Tat sehr wichtig, der mir auch am Herzen liegt. Momentan versuche ich, den Fehler zu vermeiden, Software zu sehr nach use cases zu stricken, das dann viel zu funktional technisch ausfällt. Stattdessen bemühe ich mich, um das „humanizing“ der Tools, weniger use case bezogen, mehr auf menschliche Verhaltensweisen abhebend. Nicht leicht zu knacken, bestimmte Verhaltensweisen zu abstrahieren und daraus universelle Prinzipien abzuleiten, wo man das einsetzen kann, wenn es um die sw-technische Konkretisierung geht.

  4. Hi Claudia,
    ich möchte es einmal provozierend formulieren. Internet und Lokal widersprechen sich grundsätzlich. Das Netz hat keine Lokalisation, maximal eine sprachlich Beschränkung die aber alleine beim Nutzer liegt.

    Man kann mit diesem Medium eine Menge anstellen, aber es ist nicht wirklich real. Leute die du seit Jahren im Netz kennst, sind, wenn du sie persönlich triffst oft ganz andere Leute.

    Tatsächlich mischen wir alle sämtliche Kommunikationformen, von bloßen Textempfang aus einer Website, einem Kommentar, einer Mail und einem Telefonat. Wir gehen zu Bloggertreffs um die anderen real kennen zu lernen.

    Wenn es um etwas wichtiges geht, greifen wir nicht zum Netz sondern zum Telefon. Wir brauchen die persönliche Komponente, die das Netz einfach nicht bietet.

    Warum sollte sich ein Tauschring für das Netz öffnen. Die Leute haben doch sich, kennen sich von Treffen und Telefonaten. Die benutzen das Netz gar nicht in der Art wie wir das tun.

    Ich merke das immer wenn ich meine Leser auf der Straße treffe. Ich habe in meinem Kiez das Glück das mich viele Lesen. Aber auch das sind nicht viel mehr als 50 Leute von 3.000 die den Blog täglich lesen.

    Schlimmer noch, wenn ich bei einer Sache mitmache schaue ich kaum mal auf deren Internetauftritt, weil ich real dabei bin.

    Lokales Leben ist ein rein reales Leben ohne eine virtuelle Komponente. Es existiert auch bei Netzmenschen völlig losgelöst von der Netzidentität.

    Daran ändert sich auch nichts wenn man die Mail als Kommunikationsform mitbenutzt oder über Skype telefoniert.

  5. @Rob: was du sagst, übersetz ich mir mal ins Konkrete – also an Beispielen wie „Meldung/News“, „Forum“, „Blog/Artikel“, „Shop“, „Auktion“, „Album“, „Dialog“ – das wären die beliebigen use cases zuordnungsfähige Verhaltensweisen.
    Gibt es einen „Ort“, an dem du das bezogen auf dein Projekt mit anderen diskutierst?

    @Jochen: das ist eine sehr einseitige Sicht der Dinge! Im Lokalen steckt noch ungeheuer viel Potential, das nicht eben mal so von ein paar Freunden ins Leben gerufen werden kann, die eh am liebsten unter sich sind.
    Übers Netz könnten für viele „Andockpunkte“ ans soziale Geschehen geschaffen werden, die eben NICHT so umtriebig und kontaktfreudig sind. Zum Beispiel könnte ein Tauschring, der darauf aus ist, möglichst viele Nachbarn und Kiezbewohner einzubeziehen, für die REALE Vernetzung einiges erreichen, da bin ich überzeugt.
    Aber zu dem Thema schreib ich lieber bald noch einen extra Artikel – heut mag ich nicht mehr lang virtualisieren… :-)

  6. @Claudia, noch nicht, kommt aber so oder so, wo man es offen diskutieren kann.