Claudia Klinger am 07. April 2008

FriendFeed: Share this! Aber warum eigentlich?

Ein neues Web 2.0-Tool wird gerade durch die Szene gehypt: Auf FriendFeed kann man verfolgen, was die eigenen „Freunde“ irgendwo im Web gerade machen. Irgendwo? Natürlich nicht! Nur wer sich auf ausgetretenen Pfaden bewegt, bei Flickr Bilder postet, bei Youtube Videos guckt und bei 21 weiteren Diensten liest, schreibt, Musik hört oder Bookmarks einstellt, kann auf diese Weise „verfolgt“ werden. Ja super, ist das nicht wunderbar??

Überwachung oder Beachtung?

Als Facebook den „Mini-Feed“ einführte, gab es noch Proteste: User fühlten sich überwacht und zwangsgeoutet, weil sofort auf dem Profil gemeldet wird, was man gerade im „sozialen Netzwerk“ (einschließlich der angeschlossenen Shops und manch anderer Seite) so alles tut. „Claudia and Udo are friends now“ – aha! „Oliver saved 1 bookmark on del.icio.us.“ – na sowas!

Friendfeed macht genau das, wahlweise außerhalb oder innerhalb einer Großcommunity: Die Nachrichten über die Aktivitäten der Freunde können auf einer eigens eingerichteten Website oder mittels eines Moduls auf der Seite des Users bei Facebook oder Google angesehen werden.

Ich staune immer wieder, wie groß das Bedürfnis der Leute zu sein scheint, jeden Furz von anderen mitzubekommen! „Sag was du gerade tust“ war und ist auch die Idee von Twitter, ein Dienst, der eine Art chaotische Massen-SMS zur Verfügung stellt. Das BEKANNT MACHEN der eigenen Aktivitäten wird langsam wichtiger als die Aktivitäten selbst: Was man macht, wird gemeldet, WARUM man es tut, interessiert kein Schwein. Vermutlich nicht mal mehr die Aktiven selbst, Hauptsache, die Action schwappt als „News“ durchs interaktive Web.

Drin sein, dabei sein, bemerkt werden – dafür muss man heute nichts mehr leisten, etwa ein Stück „Welt verbessern“, bzw. irgendwie nützlich sein. Es reicht, das persönliche Nachrichtenwesen technisch zu implantieren, dann spammt man sämtliche Freunde und Bekannte mit den neuen Tools zu und hofft das Beste!

Und die Folgen?

Ich male mir gerne aus, wie es sein würde, wenn solche neuen „Kommunikationsinstrumente“ tatsächlich allüberall genutzt würden. Da laufen also sämtliche Infos über alles, was meine Lieben so machen, irgendwo über eine Website. Klar würde ich anfänglich mal schauen, da ich aber noch ein „richtiges Leben“ führe (so mit Arbeit, Webseiten bauen, bloggen, einkaufen, kochen, spazieren gehen, …), würde das schnell weniger oft bis gar nicht mehr passieren. Weil meine Freunde dann aber wissen, dass ich wissen KÖNNTE, was sie machen, würde es schon bald als Zeichen mangelnden Interesses bewertet, wenn ich das alles gar nicht lese.

Andersrum: mal angenommen, ich lese alles dauernd mit – was eigentlich hätten wir uns noch zu erzählen, wenn wir uns dann mal treffen? Kommt doch alles dauernd ‚rüber, per Blog, Twitter, Facebook, Friendfeed u.a., nicht zu vergessen das Handy, das uns jetzt sagen kann, wo die Freunde sich gerade physisch aufhalten.

Über den Tellerrand

Vor etlichen Jahren hat mich die Äußerung eines Wirtschaftslenkers, dessen Name mir leider entfallen ist, schwer beeindruckt, der in Davos verlautbarte, man könne die Weltwirtschaft locker mit 30% der Weltbevölkerung im arbeitsfähigen Alter schaffen. Aber was macht dann der große Rest?

Das war damals schon die brennende Frage, auf die sich mit dem Web 2.0 jetzt vielleicht die Antwort anbahnt – ganz nach dem Hölderlin-Motto „wo die Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Wer nicht wirklich gebraucht wird, sortiert eben Nachrichten, sampelt sie neu und lässt melden, was er gerade so macht:

„Oliver saved 1 bookmark on del.icio.us.“

Diskussion

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10 Kommentare zu „FriendFeed: Share this! Aber warum eigentlich?“.

  1. Man hat echt das Gefühl, alle leben nur noch online.
    Ich find’s erbärmlich, dass die Leute Twitter, MySpace, etc. brauchen, um Bestätigung zu finden oder sich mitzuteilen. Wie du sagst:

    Das BEKANNT MACHEN der eigenen Aktivitäten wird langsam wichtiger als die Aktivitäten selbst

    Du sprichst mir aus der Seele – ich hätt’s nicht so gut formulieren können, super Artikel! :)

    Macks

  2. Hi

    Ich habe gemerkt, dass Du eine ziemlich lange Leiste mit Social Bookmark Icons in deinem Blog hast. Ich wollte Dich auf ein WordPress Plug-In aufmerksam machen mit mehr und besseren Funktionen speziell für deutsche Social Bookmark Seiten. In einem Button sind 14 Social Bookmark Icons untergebracht, sowie die Möglichkeit den jeweiligen Artikel per E-Mail, AIM und ICQ weiterzuempfehlen. Als Autor kannst Du auf die Statistiken zugreifen, registrierte Benutzer können ihr Adressbuch importieren und damit noch schneller und besser Deine Inhalt sogar gleichzeitig an mehrere Empfänger über mehrere Kanäle verschicken.

    Probiere es doch mal aus:
    http://www.teilsmit.de/

    Danke!

    MfG,

    Igor

  3. Wer nicht wirklich gebraucht wird, sortiert eben Nachrichten, sampelt sie neu und lässt melden, was er gerade so macht:

    “Oliver saved 1 bookmark on del.icio.us.”

    Leider tragen solche sinnfernen Anwendungen in meinen Augen mit dazu bei die Ressentiments gegenüber dem Web noch weiter zu pflegen, irgendwie ja auch berechtigt. Das finde ich schade. Ich denke dabei an Menschen, die ein Thema für die Öffentlichkeit hätten aber z.B. kein Blog,um es dort zu posten und wenig technik-affin sind. Mit einer Überbewertung von so Sachen wie:
    “Oliver saved 1 bookmark on del.icio.us.” lassen die es doch dann gleich bleiben, sich weiter mit dem Thema Web-2.0 oder Publizieren im Web zu beschäftigen. Leider. Im Zusammenhang mit der wiki-spielwiese.de habe ich hier 15 Meinungen gesammelt zur Frage: Warum mich das Web nicht interessiert:
    http://www.wiki-spielwiese.de/ueber#meinungen_warum_mich_das_web_nicht_interessiert
    Eine Antwort lautet: Was soll das?

  4. Man kann eine Technologie nicht für ihre Nutzer verantwortlich machen, auch wenn das leider immer wieder viele tun.
    Weiter zeigt uns das Internet die wahre Vielfalt menschlichen Strebens: es ist nun mal für viele spannend, dauernd „in Kontakt zu sein“ und in kurzen Abständen Stimmfühlungslaute auszutauschen – sei es per News-Feed, per SMS, Messenger oder telefonierend (hallo! Ich bin jetzt grade in der Warschauer Straße…).

    Drüber lästern ist im Grunde müßig, obwohl ich das mit diesem Artikel auch tue! Besser ist, sinnvolle Nutzungen aufzuzeigen, von denen es ja AUCH jede Menge gibt. Tolle Beispiele verlocken zum nachmachen…

  5. Tolle Beispiele gehen manchmal in viel Bewegungen um Nichts unter (online wie offline) und können dann nicht mehr verlocken, das finde ich schade. ;-) Das wollte ich damit zum Ausdruck bringen. Meine 15 Beispiele von Meinungen, warum Menschen nicht bloggen, sind kein „lästern“. Oder was oder wen meintest Du mit lästern?

  6. Ina, ich meinte meinen eigenen Artikel mit dem LÄSTERN! :-)) Deine Liste finde ich interessant und informativ!

  7. Ach so. Claudia, es war mir wichtig hier nicht falsch verstanden zu werden. ;-) Es gibt ja wirklich viele Leute, die was zu sagen hätten, aber nicht auf die Idee kämen, dass ihnen das Internet dabei nützlich sein könnte. Das wird wiederum von manchen Netzbewohnern völlig ignoriert. Man könnte z.B. Blogger-Patenschaften übernehmen, um einmal Know-How weiterzugeben oder stellvertretend für eine reale Person (die schwer krank ist, hilfe braucht, gemobbt wird usw.usf.) bloggen, die also ein Thema hat, mit dem er/sie besser nicht mit realem Namen in die Öffentlichkeit gehen kann. Ein positives Beispiel ist ja Deine Aktion „Brunnen für Tani“. Solche Beispiele sollten besser auffindbar gemacht werden im Web. Die wenigen spannenden politischen Blogparaden z.B., die es gab, gehen doch unter in Themen, wie: „zeig mir Deinen Kühlschrankinhalt“.

  8. Sehr guter Artikel und interessante Gedanken. Bei Facebook stören mich diese Kommentare nicht, finde ich sogar nützlich, dann sehe ich welche Applikationen die anderen gerade haben, die ich noch nicht habe ;-)Natürlich ist es ein schwieriges Thema…

  9. Das Onlineleben ist echt cool, aber viele vergessen leider dank solcher Tools das richtige Leben…

  10. […] beobachte ich, wie diejenigen, die alles nutzen und überall dabei sein wollen, mit Hilfe von “Aggregationstools”, die gerade wie Pilze aus dem virtuellen Boden schießen, im Ozean des Information-Overflows […]