Claudia Klinger am 08. September 2007

Google vergisst nichts – muss das so bleiben?

Wem ist es nicht schon mal so gegangen: man sucht etwas, landet auf einem viel versprechenden Artikel zum Thema, freut sich über die Fundsache mit wichtigen Neuigkeiten zum Thema und bemerkt erst ganz am Ende: Die Datei ist ja schon drei Jahre alt! Das Lesen war reine Verschwendung von Lebenszeit, denn die Details sind Schnee von gestern, die öffentliche Diskussion ist lange schon weiter gegangen – ärgerlich! Noch ärgerlicher, wenn Artikel gar kein Datum tragen oder das aktuelle Datum automatisch überall eingeblendet wird.

Sehr viel brisanter als dieser alltägliche, im Grunde bloß nervende Umgang mit veralteten Daten sind die Spuren, die viele Menschen im Web hinterlassen, ohne sich darüber klar zu sein, dass das Netz nichts vergisst. Bereitwillig veröffentlichen User persönliche Daten, zeigen ihre Vorlieben und Hobbies in Web 2.0-Communities, laden Bilder vom letzten Urlaub und von feuchtfröhlichen Festen hoch – und sind dann entsetzt, wenn Jahre später Personalchefs, Kollegen, Auftraggeber und andere Interessierte (zuvorderst die Werbewirtschaft) diese Daten in ihrem Sinne nutzen.

Good bye Privacy?

Das Motto der diesjährigen ARS ELECTRONICA in Linz bringt es auf den Punkt: Privatsphäre erscheint heute als ein Begriff von vorgestern, längst überholt von der Kraft des Faktischen, vom Bedürfnis der vielen, sich zu zeigen bis in die intimsten Details. Immerhin gibt es noch Kritiker, die sich grundstürzende Gedanken zur Lage machen. Viktor Mayer-Schönberger von der US-Iniversität Harvard fordert ein Verfallsdatum für Daten im Internet und sieht unsere Gesellschaft bedroht: Das Internet als ewiges, allumfassendes Gedächtnis sei ein Problem, das weit über die Aspekte Datenschutz und Privatsphäre hinaus gehe, denn der Mensch sei seit Urzeiten darauf programmiert, das meiste zu vergessen. Die Tendenz, zu vergessen, was länger zurück liegt, bedeute eine lebenswichtige Selektion von Informationen: Aktuelle Erlebnisse wirken wichtiger, Vergangenes unwichtiger – doch im Internet steht alles gleich berechtigt nebeneinander, für jeden zugänglich auf immer und ewig. Diese Flut von zeitlosen Informationen könne der Mensch nicht mehr richtig verarbeiten, der ja eigentlich „auf Vergessen programmiert“ sei (Quelle: Tagesspiegel)

Vergessen wäre ein Segen

Das von Mayer-Schönberger geforderte Verfallsdatum für Daten wäre eine Lösung, die das menschliche Vergessen in die Datensphäre implementiert. Wer Daten einstellt, müsste es benennen und könnte bei Bedarf die Lebenszeit der Daten verlängern. So müssten wir uns alle damit befassen, was über die Zeit wirklich wichtig und erhaltenswert ist und was nicht – eine gute Idee, aber wer, frage ich mich, soll das durchsetzen??? Bisher funktioniert ja nicht einmal die von Google angebotene Auswahl neuerer Artikel – und wer wäre so mächtig, der wachsenden Datenkrake das Vergessen beibringen?

Es bleibt uns vorläufig nur die Wahl, auf wachsende Medienkompetenz zu setzen:

  • Stelle nichts ins Internet, zu dem du nicht in zwanzig Jahren noch stehen kannst!
  • Auch wenn du in deiner Community vermeintlich „unter Freunden“ bist, sei dir bewusst: es lesen nicht nur Freunde mit!
  • Lösch mal wieder, was nicht mehr aktuell ist. Kündige Mitgliedschaften, die du nicht mehr benutzt – zwar wird das deine Daten nicht restlos aus dem Netz entfernen, doch immerhin ein wenig eindämmen.

Wer nun meint, er habe nichts zu verbergen und tue ja nichts Ungesetzliches, möge bedenken: Was heute erlaubt ist, kann morgen schon verboten sein!

Mehr dazu:
Interwiew der Süddeutschen Zeitung mit Mayer-Schönberg
Wieder einer weniger – ein Blogger wirft das Handtuch
Tags der offenen Tür – Privatsphäre in Communities

Diskussion

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4 Kommentare zu „Google vergisst nichts – muss das so bleiben?“.

  1. Dem satz : Stelle nichts ins Internet, zu dem du nicht in zwanzig Jahren noch stehen kannst!
    kann und muss ich zustimmen…

  2. Ziemlich kritisch stehe ich dem G*** Mail Dienst gegenüber. Viele User wissen garnicht das die Inhalte der Mails archiviert und ausgewertet werden und soziale Struckturen analysiert werden, angeblich. Ich denke schon das das im sinne von Marketing sehr gut gemacht wird. Amazone ist da aber auch keinen Deut besser…

  3. Persönliche Verantwortung ist wichtig und ein Wissen um diese Dinge. Ich selbst habe eine Datenbankseite, mit Informationen, die nicht mehr aktuell waren und eher Verwirrung über meine Person erzeugten, löschen lassen. Das wurde bereitwillig getan.

    Andererseits sollte man sich aber nicht in Panik bringen lassen!

    Notfalls lassen sich mit (grossen Aufwand allerdings) einige Seiten auch aus dem starren Cache von google löschen; und auch beim Betreiber von Foren zB – dort allerdings etwas weniger sicher, denn der muss einen Beitrag, in dem man persönliches veröffentlichte, nicht löschen – ich habe diesbezüglich aber nur positive Erfahrungen gemacht, man war immer hilfreich.

    Wenn irgendein Fratze was mit meinen Informationen anfängt, nun ja, was interessiert mich das? Können die sich von mir aus an die Tapete hängen, ist doch peinlich für die, nicht für mich. *g*

    Alles, was intim ist oder sensibel, und man ins Netz stellen will, jaja, da sollte man sehr vorsichtig sein, auch weil man drauf festgenagelt werden kann, selbst von Freunden.
    Aber viele Dinge, mein Geburtsdatum, ist in meinen Augen doch belanglos, ob DAS einer weiss.

  4. Hab neulich die Doku über Google gesehen in der google schlecht gemacht wird, aber ich finde, dass die Leute doch selbst schuld sind wenn sie die Daten im Netz veröffentlichen.
    Internet ist nunmal nicht privates, sondern ein öffentliches Medium und wer hier Daten eingibt die vertraulich sind der hat selber schuld.