Claudia Klinger am 16. Januar 2009

Lotse übergibt an Maschinisten: Reaktionen auf den Basic Thinking-Verkauf

„Ein Blog ist etwas sehr persönliches. Was ist ein Blog also noch wert, wenn sein “Denker” erst einmal gegangen ist und nur der Name bleibt? Richtig. Garnichts. Und deswegen wird dieses Blog bald nur noch Geschichte sein.“

Diese wenig ermunternden Worte schrieb ein „lieber Anonym“ unter das Begrüßungsposting des neuen Eigentümers von Basicthinkung. Und liegt damit ganz falsch, zumindest, was den Wert angeht.

Obwohl aufgrund des großen Medienechos schon richtige Mondpreis-Erwartungen kursierten, ist eine Summe von 46.902 Euro doch ein stolzer Preis für ein Blog, das bis kürzlich noch kaum jemand für verkäuflich hielt. Ersteigert hat es serverloft, „eine Marke der PlusServer AG – dem Unternehmen, das vor über 10 Jahren den ersten dedizierten Server in Deutschland verkauft hat.“

Im Grunde wurde Basic Thinking also von seinem Provider übernommen, der schon neulich rettend einschritt, als das Blog unter der Last des immensen Traffics schier zusammen brach. (Ich sollte vielleicht schon mal bei Is-Fun vorfühlen :-)

Das Verdikt „nichts wert“ ist aber nicht nur falsch, weil ja tatsächlich richtig Geld bezahlt wurde, sondern weil eben auch die erzielte Aufmerksamkeit etwas wert ist – und zwar vermutlich deutlich mehr als 46.902 Euro. Christoph Salzig (Primus inter pares) verdeutlicht das so:

„Nüchtern ökonomisch betrachtet, hat Serverloft seinen Namen in der Webgemeinde, den Branchenmedien und einigen sehr reichweitenstarken Medien platziert. Alle klassischen PRler können jetzt mal Lineale, Stoppuhr und Taschenrechner rausholen und schauen, wieviel Mediareichweite erzeugt wurde und ob die Summe passt. Vielleicht stellt Serverloft ja irgendwann mal die Medienresonanzanalyse als Show Case auf Kongressen vor…“

Genau wie unter Roberts Abschiedsposting schwurbelt auch unter der Begrüßung das wilde Bloggerleben in Gestalt unzähliger Kommentare. Die meisten positiv und ermunternd, verspricht der Neue doch immerhin, das Blog „im Sinne von Robert“ weiter zu führen. Nur wenige, Skeptiker stören die Party-Stimmung, z.B. meint ein weiterer Anonymer:

„Habe mal das Firmennetzwerk kurz überflogen, das da die Auktion gewonnen hat. Es kommt einem das Wort Heuschrecke in den Sinn.“

Uwe, der immerhin Gesicht zeigt und sein Blog verlinkt,
lästert in die Runde:

„Darf ich auch noch meinen Pseudo-Glückwünsch-Selbstbewerbungs-Hyperlink-Kommentar hiermit daruntersetzen? Danke!“

Und ein Micha schreibt ein wenig fassungslos:

„Ich kapiere gerade gar nichts. Wenn das hier funktioniert, verabschiede ich wohl besser vom Internet (oder, um es genauer zu sagen: von jener Öffentlichkeit, von der ich gehofft hatte, daß sie jenseits von Werbung und Mode noch existiert).“

Er hat mich glatt neugierig gemacht, also bin ich ihm auf sein Blog gefolgt, wo sich tatsächlich ein kurzer Essay über Mode findet. Aus dem geht aber eigentlich hervor, dass es kein Leben neben den Moden geben kann: das provozierende „Anders sein“ einer kleinen Gruppe wird erst zum Trend und dann selber zur Mode.

Es ist nun also Mode geworden, Blogs als veritables neues Medium im Marketing-Mix zu betrachten, das auch etwas kosten darf. Ist das nun ein Erfolg oder der Niedergang?

Kommt drauf an, wie man zur Wirtschaft steht. Ich erinnere mich an das mitreißende Clue Train Manifest, das 1999 erschien und ein neues Verhältnis der Marktteilnehmer forderte – und das klang so:

„Ein kraftvolles globales Gespräch hat begonnen. Über das Internet entdecken und gestalten die Menschen neue Wege, um relevantes Wissen mit rasender Geschwindigkeit auszutauschen. Als direktes Resultat werden die Märkte intelligenter — und sie werden schneller intelligent als die meisten Unternehmen.
Diese Märkte sind Gespräche. Ihre Mitglieder kommunizieren in einer Sprache, die natürlich, offen, ehrlich, direkt, witzig und häufig schockierend ist. Ob Erklärung, Beschwerde, Spaß oder Ernst, die Stimme des Menschen ist unverkennbar echt. Sie kann nicht gefälscht werden.
Im Gegensatz dazu wissen die meisten Firmen nur mit einer gekünstelten, humorlosen und monotonen Stimme von ihren Marketing- Broschüren und „Ihr Anruf ist uns wichtig“ Sprüchen zu erzählen. Derselbe alte Klang, die selben alten Lügen. Kein Wunder, dass die vernetzten Märkte keinen Respekt vor Firmen haben, die unfähig oder unwillig sind so zu sprechen wie sie.

Nun, hoffen wir, dass die neuen Eigentümer den richtigen Ton treffen. Ein berühmtes Blog ist auf jeden Fall ein etablierter „Salon für Gespräche“ – auch ohne Robert. Wenn die neuen Gastgeber nichts Spannendes zu erzählen haben, sondern nur ihre Dienstleistungen beweihräuchern, sind sie ihre Leser, Links und News-Abonnenten halt schnell wieder los.

Basic Thinking ist ja nicht etwa das einzige Blog weit und breit.

***

Update / Weitere Reaktionen:

Einmal Produkteinführung für 46902 Euro bitte (Lummaland;)
BasicThinking-Verkauf: Doch nur eine PR-Aktion? (Alles2Null);
Robert Basic macht Kasse (medienlese.com);
Basic Thinking bringt 46.902 Euro ein (SPON);
Schmerzgrenze lag bei 100.000 Euro (Meedia-Interview mit dem Käufer);
Was Basic Thinking wirklich wert war (Fischmarkt);
Ein Zusammenhang zwischen PR und Domain-Auktions-Ergebnissen… (Randolf Jorberg);

Diskussion

Kommentare abonnieren (RSS)
5 Kommentare zu „Lotse übergibt an Maschinisten: Reaktionen auf den Basic Thinking-Verkauf“.

  1. Ich finde es völlig legitim, dass er das Blog verkauft hat. Ich mag zwar nicht, dass er ständig den Bescheidenen spielt, aber sein Blog stirbt damit nicht aus. Die Marke „Basicthinking“ ließe sich weiter verarbeiten und Robert selbst hat das Bloggen nicht aufgegeben. Entgegen vieler Meinungen ist das „Neustarten“ nicht unbedingt eine Ausrede um großes Geld zu verdienen, sondern ein Schlussstrich, wenn man irgendwann unzufrieden wird. Wäre ich Basic, ich wäre schon sehr lange mit basicthinking unzufrieden gewesen. Sehr sogar.

  2. basicthinking.de – ne Menge Holz für einen Blog…

    Das war nun also der erste große Streich. basicthinking.de ist verkauft.

    Und so sah der Endstand aus…verkauft bei ebay für 46.902€. Das dürfte damit das bei weitem teuerste deutschsprachige Weblogprojekt sein. Inwieweit dieser Preis für …

  3. Ich schließe mich dem ersten Kommentator an. Ich las heute früh irgendwo ein Interview, wo Basic die eigene Beziehung zu Geld als doch eher untergeordnet
    definiert…bei knapp 47.000€ für ein Webprojekt glaub ich da nicht wirklich dran.

  4. […] pr-ip, Querblog, Korsti, Seo, SOS, Sichelputzer, Solvium, D.Stingl, Techbanger, Tom, Upload, Webwriting, […]

  5. Natürlich wollte er mit seinem Blog Geld machen. Sonst hätte er ihn ja auch einfach so weitergeben können. Was natürlich auch Quatsch ist. Von daher hat er die richtige Variante gewählt und den deutschen Blog gleichzeitig damit gezeigt, wieviel ein sehr guter Blog in Deutschland wert ist.