Claudia Klinger am 28. Januar 2013

Vom Erfolg des Mems „#Aufschrei“ und seiner Vorgeschichte

„Es kostet nur 4000 Euro einen Begriff für 24h auf Platz 1 der TopTrends auf Twitter zu platzieren. Seien sie nicht naiv.“ twitterte mir gestern @RonnyFoerster. Und Bärbel Klafft (@satirianexe) meinte ihren Tweet vermutlich auch nicht satirisch, der da lautete: „Die #Aufschrei Debatte initiiertes Ablenkungsmanöver von den wirklichen gesellschaftlichen Missständen unter #schwarzgelb. Weiter so!!!“

Es gibt also tatsächlich Menschen, die den größten deutschsprachigen Twitter-Tsunami aller Zeiten als „bloß gekauft“ ansehen, bzw. ihm quasi „verschwörungstheoretische“ Ursachen unterstellen. Ich kann mir das nur so erklären, dass sich diese Leute in einer schmalen Filter-Bubble bewegen, kaum Blogs lesen, zur Meinungsbildung nach wie vor nur große Mainstreammedien (mir ihrem Kleben an Parteipolitik und Personen) heran ziehen – oder eben dem Machbarkeitswahn der SEO-Propaganda aufsitzen, so sehr, dass reales soziales Geschehen gar nicht mehr als Interaktion von Menschen erkannt wird. Erstaunlich!

Man nenne mir ein „gekauftes Mem“, das 24 Stunden „trending“ war und zudem binnen 2 Tagen in unzähligen Blogs, in allen Mainstreammedien, in den TV-Nachrichten und Primetime-Talkshows verhandelt wurde! Und zu dem sich binnen der 24 Stunden auch gleich die Bundeskanzlerin zu Wort gemeldet hat.

Schnell ging es nicht mehr um Brüderle

Da ich nicht glaube, dass es VIELE sind, die die Relevanz und Vielgestaltigkeit des „Aufschreis“ derart verkennen, beschränke ich mich hier auf den Verweis auf die Linkliste unter meinem Diary-Beitrag zum Thema, sowie weitere Link-Sammlungen bei Sammelmappe, Süddeutsche.de und z.B. auch die Suchergebnisse von Rivva.

Wer sich auch nur ein wenig einliest, erkennt schnell, dass man so einen #Aufschrei nicht kaufen kann – und dass es auch außerhalb der Macht herrschender Parteien liegt, so etwas zu IHREN ZWECKEN zu veranstalten. Ein MEM ist nun mal erst dann so richtig erfolgreich, wenn es unzählige Menschen inspiriert, sich selbständig zu äußern – und dazu braucht es Betroffenheit im je eigenen Leben, sowie den richtigen Zeitpunkt.

Wie es zum Hashtag #Aufschrei kam, das nicht etwa Mainstreammedien erfunden haben, beschrieb MEDIA schon am 25.1. im Detail. Der Blogbeitrag „Normal ist das nicht“ von Meike Hang auf kleinerdrei.org war ein ausführlicher Bericht über Alltagssexismus und sexuelle Belästigung, in dessen Rahmen „Brüderle“ schon gar nicht mehr vorkam. Wohl aber folgender Vorschlag:

„Laura Bates, Betreiberin der Seite everydaysexism.com, hat eine Aktion ins Leben gerufen, mittels des Hashtags #ShoutingBack Street Harassment auf Twitter sichtbar zu machen und so verbal zurück zu schlagen. Was hält uns davon ab, dort mitzumachen? Ebenso denkbar wäre es, einen deutschen Hashtag ins Leben zu rufen.“

den @marthadear dann am gleichen Abend mittels des Hashtags #Aufschrei in die Tat umsetzte, das dann sehr schnell geradezu „explodierte“. Warum? Weil (leider!) fast jede Frau dazu eine Menge zu berichten hat – und endlich ergab sich die Chance, all diese Erlebnisse öffentlich zu machen, weit über den persönlichen Freundeskreis hinaus.

Der richtige Zeitpunkt

Dass Sexismus und sexuelle Belästigungen noch immer zum Alltag vieler Frauen gehört, haben die vielfältigen und massenhaften Tweets und Blogpostings drastisch gezeigt. Warum aber plötzlich diese alles bisherige weit übertreffende Befassung?

Ja, der Artikel der mutigen Journalistin Laura Himmelreich über Brüderle war ein wichtiger Auslöser, doch schon zuvor gab es Ereignisse, die das Thema quasi „reif“ für die kollektive Auseinandersetzung machten. Meine Eindrücke sind natürlich subjektiv, doch geschah es nicht von ungefähr, dass ich mir erst kürzlich im NewsReader einen Ordner mit „feministischen Blogs“ anlegte. Warum auf einmal, die gibts doch schon viele Jahre?

  • Anlass meines neuen Lese-Schwerpunkts waren die Querelen rund um Sexismus in der Hackerszene, die im Kontext des 29c3-Kongresses des Chaos-Computerclubs verhandelt wurden. Es gab „Creeper Cards“ und ein „Awareness-Team“, sowie eine Auseinandersetzung, inwiefern so etwas angesagt, sinnvoll oder unter Nerds komplett sinnfrei sei (für Interessierte hier ein Bericht mit Linkliste). Dass die ausgelöste Debatte durchaus Wirkung zeigte, sah man in der Folge dann z.B. auch in Gestalt eines Streits um einen NERD-Wandkalender, dessen Herausgeber am 24.Januar zum eigenen „Kalender-Gate“ Stellung nahmen.
  • Ein weiteres, viel großformatigeres, für uns in DE jedoch ferneres „Vorläufer-Ereignis“ war die plötzlich so unerwartet heftige Reaktion vieler Frauen und Männer in INDIEN auf eine Gruppenvergewaltigung mit Todesfolge. Der SPIEGEL titelte: Vergewaltigungsfall in Indien: Ende der Ignoranz. Was sich dann dort abspielte, hätte niemand von den gefühlt ach so duldsamen Inderinnen erwartet, die in vielen Teilen des Landes ein völlig entrechtetes, unterdrücktes Leben führen. Dass sich auch Männer am Protest beteiligten, warf ebenfalls ein neues Licht auf das, was möglich ist – selbst in einem Land wie INDIEN!

SO war der kommunikative Boden für den #Aufschrei bereitet, es brauchte nurmehr einen bundesdeutschen Auslöser. Den schenkte uns Frau Himmelreich, der STERN und – nolens volens – Herr Brüderle, dessen Aufstieg zum „Hoffnungsträger“ es nahe legte, gleich mit dem Sägen an seinem neuen Stuhl zu beginnen, wie es Mainstream-Medien nun mal gerne machen (Inhalte sind ja oft sooooooo öd!).

Damit will ich keinesfalls Brüderles Übergriffigkeiten relativieren und auch nicht den Mut von Himmelreich, ihre persönliche Erfahrung zu veröffentlichen (sie muss ja weiterhin „aus der FDP berichten“, sicher kein Spass derzeit!). Mein Anliegen ist vielmehr, das Zusammenwirken verschiedenster Ereignisse, Menschen und Medien nachzuzeichnen, durch die das Mem #AUFSCHREI so ungemein groß wurde – so groß, dass man es trotz aller Mühen verschiedenster Akteure nicht mehr bagatellisieren oder gar ignorieren kann.

Schon gar nicht lässt sich so ein Erfolg KAUFEN!

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