Claudia Klinger am 23. November 2009

Wir tun es, weil wir es wollen: warum Schirrmacher irrt

Natürlich hat jeder den allerhöchsten Anspruch auf Wahrheit, der von den Zuständen im eigenen Kopf berichtet. Also glaube ich auch Frank Schirrmacher, wenn er schreibt:

„Ich bin unkonzentriert, vergesslich, und mein Hirn gibt jeder Ablenkung nach. Ich lebe ständig mit dem Gefühl, eine Information zu versäumen oder zu vergessen. Und das Schlimmste: Ich weiß noch nicht einmal, ob das, was ich weiß, wichtig ist oder das, was ich vergessen habe, unwichtig. Kurzum: Ich werde aufgefressen.“

Der auf SPIEGEL ONLINE erschienene Auszug „Mein Kopf kommt nicht mehr mit“ entstammt Schirrmachers soeben erschienenen Buch Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen.

Das von Schirrmacher alarmistisch beklagte Phänomen der Überforderung und Zerstreung durch die fortwährend „viel zu viel“ liefernden Informations- und Kommunikationsströme unserer weltweit vernetzten Gerätschaften verleitet zunächst zu zustimmendem Nicken: Quasi jeder, der mit dem Netz arbeitet und spielt, sich informiert und den eigenen Interessen im „Paralleluniversum“ nachgeht, kann dieses Gefühl nachempfinden: Jawohl, es ist schon krass! Die Kraft der Zerstreuungsmaschine ist gewaltig und oft genug fühlt man sich in alle informatorischen Winde verstreut. „Getting information from the internet is like drinking water from a fire hydrant“ wurde nicht grundlos zum geflügelten Wort der neuen digital gestützten Befindlichkeit.

KEINE PANIK!

Und doch: Es sind nur Anpassungsschwierigkeiten! Auch die alten Kulturtechniken würden Menschen überfordern, die den Umgang mit Zeitungen, Bibliotheken, Buchläden, Post, Telefon, Radio und TV (so viele Kanäle und Sender!!!) von jetzt auf gleich erst lernen müssten. Und WIR haben viel bessere Chancen als jemand, der dies alles nicht kennt, denn weite Teile der jetzt per Computer (und zunehmend per Handy) zugänglichen Informationswelten sind ja lediglich zusammen geschaltete Fortentwicklungen jener alten Medien: Wer den SPIEGEL kannte, hat mit SPON kein großes Problem, wer telefonieren und faxen konnte, kommt mit E-Mail und Chat, SMS und Twitter mit ein bisschen Befassung und Übung zurecht. Die Freude über die vervielfältigten Möglichkeiten, die größere Reichweite und die damit verbundene „potenzielle Wirkungsmacht“ übersteigt das sporadische Gefühl der Überforderung – wäre dem nicht so, würden wir all die neuen Dinge ja nicht nutzen, sondern hätten uns dem ganzen digitalen „Zeugs“ locker verweigert.

Dem Gefühl des „aufgefressen werdens“ beim Versuch, allzu viel in die „Fleischmaschine Hirn“ einzuspeisen, kann und muss die Rückbesinnung auf die eigenen Interessen und Ziele entgegen gesetzt werden: Was fange ich an mit all den Möglichkeiten? Was WILL ich vom Netz? Wie speise ich meinen Willen, meine Liebe, meine Werte, meine Intentionen ein ins „große Gespräch“? Und nicht zuletzt: wieviel Abstand brauche ich? Wieviel Muße, um mich auf all das zu besinnen?

Die uralte Frage „Wer bin ich?“ können wir nach wie vor nicht mittels Technik und auch nicht mittels Statistik oder „User Targeting“ beantworten. Womit wir beim zweiten, wesentlich spannenderen Argument von Schirrmacher angekommen sind:

Verlernen wir das selbständige Denken?

„Wir werden das selbständige Denken verlernen, weil wir nicht mehr wissen, was wichtig ist und was nicht. Und wir werden uns in fast allen Bereichen der autoritären Herrschaft der Maschinen unterwerfen. Denn das Denken wandert buchstäblich nach außen; es verlässt unser Inneres und spielt sich auf digitalen Plattformen ab. Das Gefühl, dass das Leben mathematisch vorbestimmt ist und sich am eigenen Schicksal nichts mehr ändern wird, ist einer der dokumentierten Effekte der Informationsüberflutung.“

Diesen „dokumentierten Effekt“ möchte ich denn doch ein wenig untermauert und bewiesen sehen! Mein Eindruck – und immerhin nutze ich das Internet aktiv seit 1995 – ist nämlich gegenteilig: Immer mehr Menschern erkennen, welche Möglichkeiten ihnen das Netz eröffnet. Ihre Freiheit der Wahl hat sich potenziert, sowohl im Bereich der Arbeit (wo es z.B. heute weit weniger Ressourcen braucht, um sich selbständig zu machen), als auch in allen anderen Dimensionen: Hobbys, Partnerwahl, Reisen, politische Willensbildung, Meinungsbildung bezüglich sämtlich denkbarer Gegenstände (und Produkte). Wir sind nicht mehr beschränkt auf das, was uns mächtige Akteure vorauswählen und zusammen bündeln, sondern können uns ungehindert mit anderen austauschen und unter unzähligen Angeboten wählen.

Neben die ehemaligen „Gatekeeper“ kann nun JEDER treten und seine Sicht der Dinge beitragen, sich austauschen und eigene Angebote machen. Wer das TUT und nicht im reinen, altgewohnten Konsumverhalten stecken bleibt, wird auch weniger Probleme haben, das „Wichtige“ zu erkennen. Medienkompetenz bzw. deren Vermittlung sollte dem entsprechend nicht lediglich passive Nutzungen vermitteln (=das Internet als besseres TV oder bloßer Shopping- und News-Kanal), sondern vor allem das aktive Handeln fördern: die Teilhabe, das Mitwirken, das Verfolgen der eigenen Interessen mit den mittlerweile vorhandenen Mitteln.

Wird der Mensch durch das Netz berechenbar und manipulierbar?

Was aber ist mit dem Problem der BERECHENBARKEIT, das Schirrmacher wortreich beklagt? Er bezieht sich dabei auf die Datenmengen, die mittels des „User Targetings“ zustande kommen: jeder Klick wird von vielen Interessenten per Software gespeichert und ausgewertet, oft geben wir selbst die Erlaubnis (z.B. mittels der Alexa- oder Google-Toolbar), dass unser Surfverhalten „beobachtet“ und aufgezeichnet wird.

Schirrmacher schreibt:

Der Mensch ist eine statistische Datenmenge, die bei genügender Dichte nicht nur Rückschlüsse auf sein bisheriges, sondern auch auf sein zukünftiges Verhalten ermöglicht. Dies alles dient dem Zweck, dass die Maschinen wiederum den Einzelnen besser lesen können – ein Ziel, das viele von uns, man darf sich nichts vormachen, begrüßen, ja sehnsüchtig erwarten und das für das Funktionieren unserer digitalen Gesellschaft unerlässlich ist. Je besser der Computer uns kennt, desto besser die Suchergebnisse, mit denen er uns aus der Datenflut, die er selbst erzeugt, retten kann.
Was das Ganze bringt? Zunächst Profit. Aber was, wenn es irgendwann nicht mehr um Konsumgüter, sondern um politische Entscheidungen oder das eigene Leben geht?
Die Mehrheit würde jetzt wohl antworten: Dann haben wir das, wovor George Orwell uns schon vor 60 Jahren gewarnt hat. Eine von einer kalten Macht überwachte, durchkalkulierte und gesteuerte Gesellschaft. Oder auch den, wie man ihn Jahre später taufte, „gläsernen Menschen“.

Das klingt nach einem veritablen Horrar-Szenario und ist doch weit von der Realität entfernt: alles, was Datenbanken über mich speichern können, ist meine VERGANGENHEIT! Daraus lassen sich gewisse Wahrscheinlichkeiten über mein zukünftiges Handeln berechnen, ganz genauso, wie jemand, der mich lange kennt, ganz gut voraus sagen kann, dass ich vermutlich nicht morgen NPD wähle. Aber schon bei der Prognose: Piratenpartei oder GRÜNE wird es dann schwierig: gibt nun das Lebensalter den Ausschlag (dann eher GRÜNE) oder die langjährige Netz-Affinität (dann evtl. doch Piraten)?

Und: was ist schlecht daran, wenn mir hilfreiche Programme Vorschläge machen, die auf vergangenem (immerhin EIGENEM!) Verhalten basieren? Dafür oder dagegen entscheide ich immer noch selbst. Und schon heute nehme ich eine Menge „passender Vorschläge“ nicht an – ganz einfach, weil ich im jeweiligen Sektor gerade keinen Bedarf habe. WENN ich dann aber Bedarf habe, nehme ich auch nicht das erste beste Angebot, sondern recherchiere vielerlei Quellen, vergleiche zunächst Preise und Qualitäten, durchforste die Online-Presse und einschlägige „Themenseiten“. Vor allem forsche ich nach User-Erfahrungen, entweder in entsprechenden Communities, oft aber auch bei „Freunden“ bzw. Netzbekannten und 2.o-Verbundenen. Nichts ist so glaubwürdig wie die Empfehlung einer Person, die man kennt – und genau DIESE Art Info wird mittels der neuen „sozialen“ Medien massiv unterstützt.

Das „große Gespräch“ und die Macht

Das aber begreift Schirrmacher nicht, denn er sieht die Aktivitäten der Vielen im sozialen Web als „Selbstausbeutung“:

„die Chancen, sich von modernen Technologien leiten und beraten zu lassen, hängen vom Willen ab, sich selbst transparent zu machen. Überwachung ist nicht nötig, wenn Menschen beschlossen haben, ihre Fotos ins Netz zu stellen, ihre Hobbys und Abneigungen der Welt mitzuteilen, die Wände ihrer Intimsphäre wegzusprengen. Solche Menschen kann man gar nicht überwachen. Dann gibt es auch keine anonyme Macht mehr, die sie ausbeutet. Sie selbst sind diese Macht. Sie beuten sich selbst aus.“

Au weija! Aber klar, wer „Veröffentlichen“ vornehmlich als bezahlte Tätigkeit kennt (Worte als Ware), muss das „große Gespräch“ (Worte als je eigene Wahrheit) über alles und jedes als Selbstausbeutung verstehen: da geben Menschen Texte, Bilder, Videos, Kunst und Kitsch, Gedichte und Geschichten, Meinungen und Berichte einfach so ‚raus! Und sie lesen das auch noch, sie kommentieren, fassen zusammen und melden weiter, und sie verwenden auf dieses Tun zunehmend mehr Lebenszeit als mit den zur Ware komputierten Produkten der Medien-Industrie. Ja, das ist schon eine Art Weltuntergang, allerdings nur für die „1oo Meter hohen Menschen“ der alten Medienwelt, für diejenigen, die bisher nützliches Wissen, schöne Künste, aktuelle Nachrichten und jede Menge platte Unterhaltung zu teuren Bündeln schnürten und damit ordentliche Gewinne machten. Ihre profitablen Strukturen lösen sich gerade unter ihnen auf, weil sie tendenziell überflüssig werden, ihre rückwärtsgewandten Kampfmaßnahmen helfen nicht, im Gegenteil. Sie müssten erst wieder dienen lernen, sprich: am großen Gespräch teilnehmen, um zu lernen, was sie der Welt morgen bieten könnten anstatt nur mit ihrem ständigen VERBIETEN WOLLEN aufzufallen. Und damit tun sie sich offensichtlich verdammt schwer!

Erfolg hat, wer DIENEN kann

Ganz anders Google, Schirrmachers böse „Machtmaschine“, die aus seiner Sicht schon heute „über die Existenz von Menschen, Dingen und Gedanken“ entscheidet. Google betrat die Bühne mit einer WUNSCHERFÜLLUNG: endlich eine einfach Suche, ohne das ganze unübersichtliche Geklitter, Gewackel und Werbe-Geschwurbel, dass sich mittlerweile auf den herrschenden Verzeichnis- und Suchseiten breit gemacht hatte. Ein schlichter Suchschlitz, tolle Ergebnisse – danke, Google! Und so ging es auch weiter: Anstatt die erfolgreiche Suchseite mit den damals üblichen Bannern zu verunzieren, entwickelte Google sein Adwords- und Adsense-Programm und erfand damit die eigene Geldmaschine. Auch Adsense war eine „Wunscherfüllung“, nämlich des Wunsches vieler „Homepager“ nach einer anderen, leicht integrierbaren, in Form und Design beeinflussbaren Werbeform auch auf kleinen Webseiten (zur Diskussion 1998 siehe „Glückliche Webwerkung – Ideen für das Rendezvouz von Kultur & Kommerz).

Während also die hiesigen „Big Player“ sich einen feuchten Kericht um die Bedürfnisse der vielen kleine Web-Akteure kümmerten und sich bis zum heutigen Tag dem Geben & Nehmen über Links verweigern, stieg Google – weiter mit immer neuen Diensten Wünsche erfüllend – zu dem auf, was es heute ist.

Schirrmacher bemerkt dazu nur neidvoll:

Die mächtigsten Verbindungsstellen, Google oder Yahoo, verfügen über eine astronomische Anzahl von Vernetzungen, während die meisten anderen im Vergleich dazu nur auf ein paar wenige kommen.
Man muss es sich so vorstellen: Wenn wir durch die Stadt spazieren, kommen ab und zu ein paar Menschen vorbei, die hundert Meter groß sind. Und auf sie ist alles zugeschnitten, die Straßen und Cafés, und von ihnen hängt alles ab.

Ja, gute Wunscherfüller werden schnell unentbehrlich, doch so zwingend wie Schirrmacher meint, ist Googles Macht nicht: Webseiten, die von anderen verlinkt werden, weil sie interessante Inhalte bieten, sind unabhängiger vom „Google-Traffic“ als andere. Wer allerdings alle Seitenbetreiber einschließlich der gesamten Blogosphäre nur als böse, vielleicht Besucher-abziehende Konkurrenz ansieht und „linktechnisch ignoriert“, ja jetzt sogar allen Ernstes mit einem Leistungsschutzrecht Links kostenpflichtig machen will, agiert in einem NETZ, dass von seinen Verbindungen lebt, definitiv in die falsche Richtung.

Gegen das, was die Verleger mit dem Web vorhaben, ist Googles Macht (bei aller gelegentlich berechtigten Kritik) ein Segen. Wäre Schirrmacher nicht Herausgeber der FAZ und würde eigenständig und persönlich publizieren, käme sein Kopf bei alledem sicher auch besser mit. Doch auch im Jahr 2009 ergibt die entsprechende Suche nur die Meldung: „Die Domain „frank-schirrmacher.de“ ist nicht registriert.“

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3 Kommentare zu „Wir tun es, weil wir es wollen: warum Schirrmacher irrt“.

  1. […] hab’ ich jetzt ein Print-Stylesheet gegönnt, denn der aktuelle Artikel “Wir tun es, weil wir es wollen: warum Schirrmacher irrt” ist untypisch lang – und es gibt mehr Leute, als man glaubt, die sich sowas dann […]

  2. Wir tun es, weil wir es wollen: Warum Schirrmacher irrt…

    „Gegen das, was die Verleger mit dem Web vorhaben, ist Googles Macht (bei aller gelegentlich berechtigten Kritik) ein Segen.“ Eine kämpferische Auseinandersetzung mit Frank Schirrmachers Gedanken über das Web („Mein Kopf kommt nicht mehr mit“).Ü…

  3. […] beurteilt er Schirrmachers Buch »Paycheck« als ein sehr pessimistisches Buch. Ich denke, dass Schirrmachers Logik eine ist, die im Katastrophischen gefangen bleibt, weil sie den Kontrollverlust, der mit Netzwerken […]