Claudia Klinger am 08. November 2011

Wohin gehst du, Mister Wong?

Das bekannteste Social Bookmarking-Portal Mister Wong sucht einen Käufer. Im Normalfall ist mir ein Betreiberwechsel kein Blogposting wert, doch in dem Fall mach‘ ich eine Ausnahme. Weil ich nämlich nicht glaube, dass der geplante Verkauf allein dem prosperierenden Geschäft der Muttergesellschaft zu danken ist, wie Geschäftsführer Kai Tietjen laut Netzpolitik.org verkündet. Das Personal müsse sich um Großkunden kümmern, da bliebe dann halt nicht genug Zeit, das „immer noch total spannende Projekt“ weiter zu führen.

Für mich klingt das nach Schönrednerei: Wäre bei Mister Wong nämlich alles im Lot, ließen sich aus dem Projektumsatz heraus die erforderlichen Mitarbeiter bezahlen. Dass dem nicht so ist, wundert nicht. Zwar hab‘ ich keine Zahlen, liege aber vermutlich nicht falsch mit dem Eindruck, dass Werbung auf Mister Wong keine Erfolgsstory ist. Trotz aller Versuche, mittels „sozialer Features“ mehr Interaktion und Kommunikation der User anzustoßen, ist die Nutzung doch recht schmalspurig geblieben. Wer hat schon Zeit und Lust, neben FB, Google+ und Twitter noch auf einem Bookmarkportal zu posten?

SEOs vergrätzt? Content-Farm geworden?

Wann gibt man ein Projekt ab? Zum Beispiel wenn man mit seinen Ideen gescheitert ist und keine Hoffnung mehr hat, durch weitere Anstrengungen die Lage zu verbessern. Der große Relaunch vom letzten Jahr sollte den Sprung vom altbackenen Lesezeichensammel-Tool zum sozialen Netzwerk rund ums „Entdecken von Webseiten“ bringen. Letzteres konnte aufgrund der Konkurrenz der viel breiter nutzbaren Großen nicht klappen, dem Erfolg des guten alten Bookmarkingtools hat man damit eher geschadet als genutzt.

Denn seit dem Relaunch wurden die Bookmarklisten der User weitgehend unsichtbar: ab jetzt blieben neue Empfehlungen erstmal hinter verschlossenen Türen, nicht mehr einsehbar durch nicht angemeldete Surfer und Suchmaschinen. Verlinken und weitergeben der Favoriten-URL wurde damit sinnlos – und natürlich auch der „Missbrauch“ des Portals für schnöde SEO-Zwecke. (Selbst sogenannte Nofollow-Links auf Bookmarking-Tools zählen ja diverse Site-Bewertungstools als Positiv-Punkte).

Mit der Eröffnung der „ersten Freien Bibliothek digitaler Dokumente“ hatte Mister Wong dann auch noch versucht, in den Kreis der sowieso schon von Google bekämpften Artikel-Verzeichnisse und anderer Content-Farmen einzusteigen. Dass User dort bis heute grade mal 13000 Dateien ablegten, spricht eine deutliche Sprache. Auch dass sie als „Trusted User“ nun neuerdings Follow-Links setzen dürfen, verstärkt die Lust, die eigenen Texte der „Bibliothek“ anzuvertrauen, offenbar nicht.

Steiler Niedergang

Wer handfeste Zahlen und Fakten sucht, um sich ein Bild vom Niedergang seit dem Relaunch zu machen, der schaue auf der Mister-Wong-Seite bei Alexa die krass abstürzenden Kurven „Traffic“, „Reach“ und „Pageviews“ an (Zeitraum-Voreinstellung „max“). Demnach hätte man sich das Update besser geschenkt.

Mir scheint, die Zeit separater Bookmark-Verzeichnisse – mit oder ohne sozialem Drumrum – ist einfach vorbei. Der Käufer von Mister Wong wird sich jedenfalls kein leichtes Päckchen aufbürden. Man darf gespannt sein, ob es jemand wagt.

Diskussion

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Ein Kommentar zu „Wohin gehst du, Mister Wong?“.

  1. Genau nach der Umstellung von einer Bookmark Seite zu einer Community ist der Abstieg von Mister Wong beschlossene Sache gewesen. Das habe ich an meinem eigenen Nutzverhalten schon gesehen. Seit der Umstellung habe ich andere Portale wie z.B. Oneview verwendet. Ähnlich bei meinen ganzen Kollegen.

    Es gibt ja den guten Spruch:
    Schuster bleib bei deinen Leisten

    Das hätte sich Mister Wong auch zu Herzen nehmen sollen.