Claudia Klinger am 27. Februar 2009

Twitter: Vom Raum zum Schwarm (Teil II)

Diese Artikel-Serie will Interessierten und Einsteigern vermitteln, was es mit dem noch immer vielen unverständlichen 140-Zeichen-Tool “Twitter” auf sich hat. Lies auch:
Vom Raum zum Schwarm – Teil 1

twitterbird.jpgSchon im ersten Teil dieser Serie ging es um den drastischen Unterschied zwischen der Schwarmkommunikation, wie sie auf Twitter vorherrscht, und der Raumerfahrung, wie wir sie von Chats, Foren und Blogs kennen. In diesen virtuellen Räumen haben ALLE Teilnehmer Gelegenheit, dasselbe Geschehen wahrzunehmen – im Schwarm ist das nicht so: jeder erlebt etwas anderes.

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Übersicht

Es erscheint vom Verstand her einfach, diese Verschiedenheit zu begreifen,  doch gehen Gefühl und Intuition noch lange nicht neue Wege, bloß weil wir uns technisch nun ANDERS zusammen schalten.  Das vornehmlich per „Raumerfahrung“ sozialisierte Bewusstsein der meisten Netizens führt im Erleben des Twitterversums zu Erwartungen und Bewertungen, die zur Schwarmkommunikation nicht wirklich passen. Es braucht Zeit, bis man die Andersartigkeit auch „verdaut“ hat – und erst dann kann man Twitter als wirklich sinnvoll erfahren und nutzen.

Das Netz: Raum und Schwarm zugleich

Um eine große Analogie zu nutzen: Das Web, wie wir es seit Mitte der 90ger kennen, war und ist sowohl als Raum, wie auch als Schwarm (nämlich nicht-hierarchisch vernetzt) erfahrbar. Die Schwarmstruktur erleben wir, wenn wir allein den Verlinkungen der Webseiten und Blogs folgen: A verlinkt B, C, und D, aber B verlinkt A, D, F und G – und so weiter. Jeder kennt auf diese Weise ein ANDERES Web – und niemand sieht das Ganze.

Da der Mensch aber gerne einen Überblick hat, gab es sehr schnell Verzeichnisse, die sich bemühten, möglichst ALLE Webseiten zu erfassen. Yahoo war die erste „Linkliste“, die schnell zum unverzichtbaren, gut strukturierten Mega-Verzeichnis heran wuchs. Bis es einfach zu viele Seiten wurden und die Suchmaschinen ihren Siegeszug antraten: Man überblickt den Raum zwar nicht mit eigenen Augen, hat aber zumindest die technisch unterfütterte Hoffnung, auf das GANZE zuzugreifen.

Nicht den Überblick suchen, sondern das eigene Programm bestimmen

Wer einen öffentlichen Raum betritt, schaut normalerweise erstmal, was da so los ist und was die Anderen dort tun. Dem passt man sich dann in der Regel an, will man nicht grade den Revoluzzer raushängen und provozieren. Meist gelten Regeln für das erwünschte Verhalten, was sich in den Räumen des Webs in Gestalt vielfältiger „Netiquetten“ niederschlug: der Knigge für die jeweiligen User von Foren, Chats, Mailinglisten usw.

Auf Twitter ist der Neuling erstmal alleine und vollständig isoliert. (Der Blick auf die Seite „Everyone“ mit beliebigen Tweets aus aller Welt ist sinnfrei und daher eher abschreckend). Erst durch das Abonnieren („followen“) der  Nachrichten (Tweets) anderer User – die z.B. über die Seite „find people“ gefunden werden –  geschieht etwas: ihre Botschaften erscheinen nun chronologisch auf der Seite „Home“ und ergeben in ihrer Gesamtheit die jeweilige „Twitter-Erfahrung“.

Antworten, speichern, private Nachrichten senden

Da es bei mir ein wenig gedauert hat, bis ich es bemerkt habe (wer liest schon die Hilfe/FAQ!) hier ein paar Details aus den Nutzungs-Basics:

Fährt man mit der Maus über die einzelnen Botschaften, erscheinen rechts davon zwei Icons:
reply.jpg

  • Ein Sternchen für „Favorite this update“: ein Klick befördert den Tweet in den Bereich „Favorites“, wo er nun zur Verfügung steht, bis man ihn löscht.
  • Ein Antwort-Symbol für das direkte Ansprechen („reply to username“) der jeweiligen Person: Klickt man drauf, steht im eigenen Eingabefeld „@username“ als Kennzeichen einer direkten Antwort. Ergänzt man das mit der eigentlichen Botschaft, kann das die angesprochene Person lesen, aber auch alle, die sowohl den Sender als auch den Empfänger abonniert haben (=ihnen folgen). Achtung: hinter @username muss ein Leerzeichen stehen – setzt man z.B. einen Doppelpunkt, erkennt es Twitter nicht mehr als Antwort!

Wer ganz ohne Publikum mit einer Person kommunizieren will, kann über den Menüpunkt „Direct Messages“ eine Botschaft an eigene Follower schicken (nicht aber an Leute, die man abonniert hat, die jedoch ihrerseits nicht folgen).

Follower und „Freunde“

Aus den schwarm-typischen Unterschiedlichkeiten der Kommunikationsströme ergeben sich Begriffe, die nicht allesamt auf Twitter vermittelt werden, sondern im Umgang damit entstehen. So etwa die Unterscheidung von „Followern“ und „Freunden“:

overlap.jpg

In dieser Grafik meiner Vernetzung (HumanVoice) zeigt der überlappende Bereich diejenigen, denen ich folge und die mir auch ihrerseits folgen. Für sie verwenden einige  den Begriff  „Freunde“, der allerdings umstritten ist. Seltsam mutet an, dass es noch kein allgemein verwendetes Wort für die „Verfolgten“ zu geben scheint! Ich benutze das Wort „Verfolgte“ hilfsweise bis ich ein besseres finde.

Interessante Leute finden: Twitter-Search

Natürlich gibt es auch im Twitterversum eine Möglichkeit, im Sinne der Raumerfahrung auf das Ganze zuzugreifen: Die Twitter-Suche auf search.twitter.com

search.jpg

Einsteiger können hier zum Beispiel anhand von Suchbegriffen aus ihren Interessengebieten heraus finden, wer zu diesem Thema in letzter Zeit getwittert hat. Man findet so ganz gut die „Experten“ bzw. ähnlich Gesinnten, denen man vielleicht folgen will, um ihre Botschaften fortlaufend zu empfangen.

Wer schon auf anderen Ebenen im Netz kommuniziert (Homepages, Blogs, Soziale Netzwerke, Foren etc.) tut gut daran, dort den eigenen Twitter-Namen mit Link zur Profilseite bekannt zu machen. Dann finden sich nämlich bald Leute aus der „alten“ Stammleserschaft auf Twitter als Follower ein, die auch Kurzbotschaften und Hinweise, oder was immer man so für „Stimmfühlungslaute“ im Lauf des Tages twittert, gerne mitlesen.

Womit ich endlich bei den Nutzungen angekommen bin, die im dritten Teil Thema sein werden – ebenso wie die Regeln und Twitter-Netiquetten, die derzeit allüberall aus dem Boden sprießen.

Update 6.2.: Twitter hat jetzt die SUCHE integriert!

Diskussion

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8 Kommentare zu „Twitter: Vom Raum zum Schwarm (Teil II)“.

  1. Die Verfolgten: sind das nicht die Leithammel, Leitsterne oder vielleicht auch Leitvögel?
    Aber das Wort Verfolgte mal mit einer positiv gewerteten Nutzung aufzuweichen, hat doch auch was.

  2. Also ich kann mit Twitter auch praktisch chatten und zu Themen einen Überblick behalten bei Leuten, denen weder ich folge und die mir auch nicht folgen.
    Ganz simpel mit http://tweetchat.com/
    den entsprechenden Hash-Tag als Raum angeben und voilà.

  3. […] Twitter: Vom Raum zum Schwarm (Teil II) 2. Teil von Claudia Klingers "Twitter für Anfänger"-Serie. (tags: twitter how2 tipps *****) […]

  4. @JaK: Ja, sicher! Und das sind dann noch nicht mal alle Möglichkeiten… :-) Es ist ziemlich verwirrend für Neueinsteiger, wie VIELE Tools und Möglichkeiten es rund um Twitter gibt – da ist es aus meiner Sicht nicht schlecht, mal ganz langsam mit den Basics zu beginnen und dann zu vertiefen.

  5. […] März 2009 von bayernonline Vom Raum zum Schwarm […]

  6. Schöner Artikel, der auch ohne viele Anglizismen auskommt. Es mag aber immer Leute geben, die gegen den Schwarm fliegen. ;)

  7. Hallo,

    wunderschöner Artikel. Gibt es noch den Teil III oder bin ich nur zu doof ihn zu finden? Genau der Teil, der mich Newbee noch interessiert.

    Gruß, Buschi

  8. […] Vom Raum zum Schwarm (Teil 1) und (Teil 2) von Claudia […]