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Michael Charlier

Surfen ist out

RSS knüpfen Netze im Netz - und das auch noch vollautomatisch

Auf Webseiten mit täglich wechselnden Inhalten findet man oft einen kleinen Button mit der Aufschrift "XML" oder "RSS". Je nach Browser sehen Sie beim Klick auf den Link entweder einen XML-Dokumentenbaum oder einen unformartierten Text - oder gar nichts, wenn es sich um einen Browser handelt, der mit dem Format nichts anfangen kann. Der Inhalt ist jeweils der gleiche: Eine Art kommentiertes Inhaltsverzeichnis der neuesten Beiträge.

Wenn Ihnen diese Gestalt nicht besonders zusagt, hat das durchaus seine Ordnung: RSS (Rich Site Summaries)-Feeds sind zwar stets zum alsbaldigen Verbrauch bestimmt, aber man sollte sie keinesfalls roh zu sich nehmen, sondern ordnungsgemäß zubereitet in einem RSS-Reader, RSS-Aggregator bzw. Newsreader. Diese Programme besuchen automatisch die Websites, auf die der Anwender sie eingestellt hat, holen dort jeweils den neuesten RSS-Feed ab, und stellen ihn anschließend in lesbarer Form dar. Dazu später mehr.

Blogs machen RSS populär

Sinn macht so ein RSS-Feed z.B. bei einem Blog, und der Blogger-Szene verdankt die Technik des Newsfeeds, die ursprünglich nur von Nachrichtenagenturen oder Börsentickern eingesetzt wurde, ihre stürmische Verbreitung im Lauf der letzten 12 Monate.

Intensiv-Blogger wie Schockwellenreiter Jörg Kantel schicken täglich in mehreren Raten 20 oder mehr Einträge an ihre Blogs. Da wäre es unrealistisch, zu erwarten, daß selbst treue Freunde alles mitbekommen, was sich auf der Seite tut - von einigen anderen Hard-Bloggern einmal abgesehen. Deshalb der RSS-Feed: Wer wissen will, was sich auf der Szene tut und auch mitbloggen möchte, ohne den ganzen Tag lang von Seite zu Seite zu surfen, legt sich einen Feed-Reader zu und läßt ihn, sagen wir mal jede Stunde, bei seinen bevorzugten Blogs vorbeischauen. Die zurückgebrachten Neuigkeiten lassen sich mit einem Blick überschauen, und wenn etwas dabei ist, das eine unmittelbare Antwort erfordert - nun, ein Mausklick, und schon ist man da. Außerordentlich praktisch - wenn man Blogger ist.

Und was ist der Nährwert für den gemeinen Webriter, der seine Website vielleicht dreimal die Woche (Claudias Diary Vom Sinn des Lebens) oder (bestenfalls) zweimal im Quartal updatet wie das Webwriting-Magazin?

RSS-Feeds für alle

Ich denke, hier ist der Nutzen sogar noch weitaus größer als bei den hochmotivierten Kommunikatoren der Blogger-Szene. Lassen Sie uns die Dinge nüchtern betrachten: Wie kommt es, daß Sie gerade jetzt gerade diesen Artikel lesen? Kommen sie jede Woche zweimal hier vorbei, um zu sehen, was es neues gibt? Das nehmen wir noch nicht einmal von unseren größten Fans an. Den Systematischen unter ihnen trauen wir zu, daß sie sich einen alle drei Monate wiederkehrenden Eintrag im Terminkalender gemacht haben: "Beim WWM vorbeischauen". Andere kommen von den Links, die thematisch verwandte Seiten auf uns setzen, oder natürlich von den Suchmaschinen. Aber sehr viele kommen genau dann, wenn sie unseren Newsletter bekommen haben: Am Tag der Aussendung verdrei- oder vervierfacht sich unsere Besucherzahl, sie ist auch in den folgenden Tagen noch höher als sonst, um dann nach einer Woche wieder auf Normal zurückzugehen.

Das ist nicht nur beim WWM so: Viele Besucher kommen genau dann, wenn sie eine Nachricht bekommen, daß es etwas neues gibt - und genau diese Benachrichtigungsfunktion erfüllt ein RSS-Feed auf nahezu ideale Weise.Es erspart Sendern wie Empfänger viel Zeit und Mühe.

Werden Newsletter überflüssig?

Strukturiert wie ein Mailprogramm - der Feedreader:

Feedreader

Vieles deutet darauf hin, daß RSS die Nachfolge des Newsletters - zumindest in seiner Benachrichtigungsfunktion - antreten werden. Allerdings werden die wenigsten Leser des WWM bereit sein, nur wegen unserer allzu seltenen Updates einen RSS-Reader zu besorgen und täglich laufen zu lassen. Ganz anders sähe das aus, wenn zehn oder zwanzig Sites aus dem Bereich Webseitenbau ihre neuen Beiträge per RSS-Feed annoncieren würden. Und genau dazu haben wir ein kleines Projekt konzipiert, das ich im folgenden vorstelle.


Warum nicht einmal die Probe darauf machen?

Theoretisch braucht man im Zusammenhang mit RSS kein Projekt und erst recht keine Projektleitung: RSS-Feeds sind eine reine Peer to peer-Angelegenheit. Jeder kann mitmachen, jeder kann mitlesen, es gibt keine Zentrale und keine Mitgliederliste. Praktisch tut sich freilich auch in der virtuellen Welt wenig ohne Zielbestimmung, Roadmap, Aufgabenverteilung und Kommunikationszentrum - das Webwriting-Magazin und die Mailingliste i-worker bieten sich dazu an.

Was man braucht:

Um die Vorteile von RSS-Benachrichtigungen auf Seiten mit geringem Update-Aufkommen zu nutzen, braucht man zunächst einmal zwei Dinge: Genug Sites, die RSS-Feeds anbieten, und einen Reader, der diese Feeds in einer vernünftigen Form darstellen kann.

Reader gibt es im Netz genug. Installiert und getestet habe ich (alles unter Windows):

Der RSS-News-Reader und der Feedreader sind beide noch nicht ganz ausgereift, stellen aber die wesentliche Funktionalität zur Verfügung und sind verschieden genug, daß Anwender, die mit dem einen nicht klar kommen, möglicherweise beim anderen genau das finden, was sie suchen. Für den Feedreader könnte sprechen, daß er auch Bilder anzeigt - wenn man das als Vorteil ansehen will.

Der HeadlineViewer ist hier nur der Vollständigkeit erwähnt: Er zeigt nämlich tatsächlich nur die Headlines - nicht die Inhaltsangaben. Während er für unser Projekt wenig interessant ist, ermöglicht er einen guten Einblick in die erstaunlich reichhaltige Welt des globalen Newsfeed-Angebotes.

Newsbee wird in einer freien Version mit begrenztem Leistungsumfang und in kommerziellen Versionen mit interessanten Filtermöglichkeiten und weiteren Features erhältlich sein. Für die Teilnahme am Projekt ist - mit Ausnahme des Headline-Viewers - jedes dieser Programme geeignet - und vermutlich noch ein halbes Dutzend andere, die ich nicht kenne.. Anwender von Mac Linux und anderen Plattformen sind gebeten, die Liste mit Readern für ihre Systeme zu komplettieren.

Und woher kommen die Feeds?

In Blog-Systemen wie Wordpress gehört die automatische Generierung/Aktualisierung von RSS-Feeds teilweise zur Grundausstattung, teilweise kann sie nachgerüstet werden. Tools zur serverseitigen automatischen Generierung von RSS-Feeds für "normale" Webseiten sind mir nicht bekannt. Die Entwicklung eines solchen Tools wäre eine willkommene Begleiterscheinung des Projektes - die erforderlichen PHP-Module sind im Netz frei verfügbar.

Bis ein solches Tool zur Verfügung steht, können sich die Projekt-Teilnehmer mit seltener aktualisierten Seiten mit Handarbeit behelfen. Das RSS-Format ist ein extrem reduzierter Dialekt von XML - das kann jeder, der HTML kennt, nach kurzer Analyse oder anhand eines Templates selbst schreiben. Der RSS-Feed des Webwriting-Magazins steht gerne als Vorlage zur Verfügung - ich habe ihn meinerseits einem Feed des Schockwellenreiters nachgebaut.

Wer sich tiefer in das Gebiet der RSS einarbeitet, wird feststellen, daß dort eine muntere Standardvielfalt herrscht. Beim aktuellen Stand der Entwicklung ist man gut beraten, seinen Feeds einen Standard mit niedriger Versionsnummer zugrunde zu legen - damit können alle Reader umgehen. Featurevielfalt ist nicht das, was ich von einem RSS-Feed erwarte: Er soll kurze Informationen mit möglichst wenig Overhead transportieren und leicht zu parsen sein - mehr nicht.

Und schon kann es losgehen

Mehr wird für die erste Stufe des Projektes nicht gebraucht. Die Reader gibts im Netz, die Feeds kann, wer seine Seite nicht täglich updatet, mit der Hand schreiben - und schon kann es losgehen. Sinnvoll dürfte es sein, sich auf ein paar grundlegende Dinge zu verständigen. Mein Vorschlag:

Warum Orientierung auf die I-Worker und keine eigene Mailingliste? Nun, aus der Sache kann nur etwas werden, wenn sie sich nicht als Angelegenheit von ein paar Spezialisten abkapselt, sondern wenn sie sich in enger Rückkopplung mit den Kommunikationsbedürfnissen der potentiellen Anwender entwickelt. Das ist in einer speziellen Mailingliste kaum zu leisten.

Automatisierung und Ausbau

Der erste Abschnitt ist mit geringem Aufwand zu bewältigen - es reichen einfach 10-15 Leute, die mitmachen, und es dürfen beliebig viele sein. Wenn sich dabei herausstellt, daß die Feeds auch außerhalb der Blogger-Szene Nutzen bringen, kann man einen zweiten Abschnitt anschließen. Dabei würde es dann zunächst um die Automatisierung der RSS-Erzeugung und später um die Erweiterung von Funktionalität gehen.

Es ist natürlich auf Dauer keine Option, die Feeds selbst auf dem Editor zu schreiben. Da automatisierte Generierung aber in der Blog-Welt schon praktiziert wird, sehe ich wenig praktische Hindernisse, das auch auf reguläre Webseiten zu übertragen. Schwieriger wird da schon die inhaltliche Seite - z.B. wie schafft man es, Summaries so zu formulieren, daß sie im Feed Sinn haben, aber den Einstieg in einen Text nicht beeinträchtigen. Die Vorspänne des Heise-Ticker sind ein gutes Beispiel - schade, daß sie dort nicht in den Feed mit aufgenommen werden.

Wenn es zu einem Interessenbereich erst einmal genug RSS-Feeds gibt, kann man damit sicher noch mehr anfangen, als sie mit dem Feedreader einzusammeln um den Zeitaufwand für die routinemäßige Beschaffung von Information zu reduzieren. Eine Anwendung ist automatisierte Syndication - in der Blog-Szene heißt das soviel wie Anbieten von RSS-Feeds zur (kostenlosen) Wiedergabe in (X)HTML-Form auf anderen Webseiten.

Ein Anwendungsmodell

Technisch ist das (für Leute, die sich mit sowas auskennen) kein Problem, es gibt wohl jede Menge Skripte in Perl, PHP oder als XSLT, die aus RSS wieder HTML machen, das dann über einfache includes auf Webseiten veröffentlicht werden kann. Das Problem liegt da, wo man die Frage nach dem Nutzen stellt - also im Anwendungsmodell. Einfache Newsticker, wie sie von Heise oder Stern bereitgestellt werden, bringen wenig: Warum sollte jemand diese Meldungen über einen Umweg lesen wollen? Und es kann auch nicht Sinn der Sache sein, Besucher gleich an die Quelle weiterzureichen. Sinnvoller könnte es schon sein, "befreundete" oder "kooperierende" Webauftritte miteinander zu verkoppeln: Jeder zeigt in einer Newsspalte den Inhalt des RSS-Feeds der Partnerseite.

Bei geringen Update-Raten ergibt das freilich keine sehr dynamisches Bild. Also liegt es nahe, nicht nur einen Feed auszuwerten, sondern die RSS-Feeds mehrerer Seiten zu aggregieren und daraus die Newsspalte zu bestücken. Das hat allerdings mehrere Nachteile: Die Bewegung kann leicht zu dynamisch werden - dann verdrängen neue Feeds die alten zu schnell von ihrem Platz in der Newsspalte. Außerdem würden diese Newsspalten bei allen Teilnehmern gleich aussehen - und vermutlich in keinem Fall wirklich zum inhaltlichen Schwerpunkt einer Seite passen.

Eine denkbare Lösung des Problems bestünde darin, daß die Aggregierung nicht automatisch von Server zu Server erfolgt, sondern auf dem Umweg über den Feedreader und die Auswahl des jeweiligen Site-Owners. Bei seiner täglichen Durchsicht der Feeds kreuzt er mit der Maus zwei oder drei Items an, von denen er annimmt, daß die Besucher seiner Seite besonders daran interessiert sein könnten. Die - und nur diese - werden dann mehr oder weniger automatisch upgeloadet und in die Newsspalte aufgenommen. Die Zusammensetzung dieser Spalte basiert dann auf einer von ihm getroffenen Auswahl und unterliegt vollständig seiner Kontrolle. Dementsprechend wird der Inhalt dieser Spalten bei allen Teilnehmern des Systems unterschiedlich aussehen - kein ärgerlicher Wiedererkennungseffekt beim Surfen von A nach B, sondern eine hohe Wahrscheinlichkeit, daß der Seitenbesucher jeweils Dinge erfährt, die ihn wirklich interessieren. Und die Urheber der "zitierten" RSS-Feeds gewinnen einen (allerdings nur temporären) Link an bevorzugter Stelle auf der Webseite eines Partners, dem sie in "kooperierender Konkurrenz" verbunden sind. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Das Verfahren mag für Webworker besonders attraktiv sein. Aber nicht nur. Nutzen verspricht es zum einen Gruppen mit privaten Interessen - dort bietet es sich als Nachfolger des "Webrings" an. Auf der anderen Seite kann es auch Unternehmen kleiner und mittlerer Größe aus netzfernen Branchen ein Mittel an die Hand geben, Kunden-Lieferanten-Beziehungen und Arbeitszusammenhänge im Netz abzubilden und damit einzelne Seiten ihrer Kommunikation untereinander und mit dem Markt zu verbessern - zu geringen Kosten.

Zum gegenseitigen Nutzen

Hier noch einige Links zur Einführung und zu weiterführenden Informationen:
RSS - was genau
     ist das eigentlich?
Was ist RSS?
Introduction to RSS
Web-Reference - RSS
RSS im Open Directory

Das klingt möglicherweise idealistischer, als bei der aktuellen angespannten wirtschaftlichen Situation nicht nur der Webworker angebracht erscheint. Aber das Konzept der Coopetition (cooperation and competition) bietet gerade in dieser Situation interessante Perspektiven. Um nur eine davon kurz anzudeuten. Das Informationsangebot im Web steigt weitaus schneller an, als sich die Suchkompetenz der User entwickelt. Und keine noch so gute SuMa-Optimierung kann 100 Webseitenbauern oder Rheumaärzten einen Platz unter den ersten 30 bei Google verschaffen. Abgesehen davon weiß niemand, wie lange Google und andere überhaupt noch kostenfrei zur Verfügung stehen. Auf die Dauer werden "kleine" Seitenanbieter, die inhaltlich oder nach Surfgewohnheiten benachbarte Gebiete abdecken, gut beraten sein, sich untereinander zu vernetzen und so die Chancen zu erhöhen, überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Für alle, die keine 6-stelligen Werbeetats einsetzen können, könnten RSS-Feeds und darauf basierende Anwendungen interessante Perspektiven bieten.

4/2003

© Claudia Klinger +
Michael Charlier
Alle Rechte bei den Autoren

 

 


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