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Interviews mit Machern

Wir werden versuchen, mit den Verantwortlichen für die neuen Webseiten über die ökonomischen Hintergründe der Redesigns zu sprechen. Als ersten erreichten wir den Leiter Webdevelopment von stern.de -
Hier geht's zum Interview.

Als weitere Zeitungsseite ist der österreichische "Kurier" standardnah geworden - hier ein Gespräch mit Projektleiter Jöchler.

Michael Charlier

Stylesheets als Kostenbremse

Große Unternehmen entdecken die Webstandards

Der Stern tut es, die Deutsche Post tut es, sogar die Bundeswehr versucht es: Still und heimlich haben sie beim jüngsten Relaunch zum Jahreswechsel die Programmiertechnik ihrer Websites auf CSS-Design umgestellt. Damit liegen sie nur wenige Monate hinter den amerikanischen Pionieren der neuen Technik wie "Wired", "EZBoard" oder "USCHO", die sich bereits im Herbst einen Platz auf der Liste der Pioniere mit Webseiten in XHTML (oder nahe dran) gesichert haben.

Gerne geben wir Ihnen die Links: Stern, Deutsche Post, Bundeswehr , Wired, Ezboard, USCHO. Weitere Seiten sammeln wir auf unserer Liste mit Standardseiten

Warum tun sie das - mitten in der Flaute, wo alle Unternehmen ihre Webetats zusammenstreichen? Die Antwort ist einfach: Weil sie es sich nicht mehr leisten wollen, Monat für Monat das Doppelte oder gar Vierfache dessen für den Verkehr auf ihren gut besuchten Websites auszugeben, was eigentlich nötig wäre. Und weil sie die Vorstellung höchst attraktiv finden, die nächste Aufstockung ihrer Serverkapazität um ein oder zwei Jahre verschieben zu können - soviel ressourcenschonender ist die Auslieferung von Seiten bei konsequenter Trennung von Content und Layout. Und das alles nur mit Software!

Schusters Kinder kriegen Schuhe!

 

Nicht alle kriegen Schuhe. Während unsere Seiten seit Sommer nicht nur standardnah, sondern standardkonform sind, kommen unsere alten Seiten immer noch barfuß daher.

Mit der Umstellung auf CSS rücken erstmals große Webanbieter mit vielen zehntausenden Besuchern täglich von der üblichen Praxis ab, ihre Seiten ohne Rücksicht auf Webstandards nach der Methode des geringsten Widerstandes ins Netz zu bringen. Sie haben erkannt, daß inzwischen die Vorteile standardkonformen Seitenbaus die bisher davon befürchteten Nachteile überwiegen.

Als solche Nachteile wurden bisher geltend gemacht:

  1. Die Entwicklung validen Codes ist aufwendig und entsprechend teuer
  2. Die Kreativitär der Grafiker wird unzumutbar eingeschränkt, die Seiten wirken unifom und transportieren keine "user experience".
  3. Mit Stylesheets präsentierte Inhalte lassen sich nicht in allen von den Besuchern verwandten Browsern im gleichen Layout anzeigen - die kostbare Corporate Identity gerät in Gefahr.

Aus Nachteilen werden Vorteile

Mehr dazu lesen Sie in Jeff Zeldmanns Artikel "99.9% of Websites Are Obsolete"

Beeindruckt von den Sparpotentialen, die hinter der "neuen" Technik sichtbar wurden, haben erste Vorstände diese Abwehrargumente nun einer kritischen Überprüfung unterzogen - und siehe da, sie erweisen sich als unhaltbar.

1. Um Layouts mit Stylesheets zu realisieren, benötigt man zwar andere und möglicherweise auch zusätzliche Qualifikationen als für die bisherige Arbeit mit z.B. mit Dreamweaver oder Fusion. Hat man diese Qualifikation erst einmal erworben, läßt sich die Arbeit eher kostengünstiger gestalten als im alten Stil. Das gilt ganz besonders in Hinblick darauf, daß der Content großer Sites ohnehin aus Datenbanken bzw. CMS-Systemen abgerufen wird - also prinzipiell getrennt vom Layout "aufbewahrt" wird.

Hier setzen die Workshops des WWM an: Wir nehmen Ihnen nicht die Arbeit ab - wir ebnen Ihnen den Weg zum Einsatz der neuen Technik.

2. Die Designer des Web-Dienstleisters Ezboard oder des Musik-Portals Bigbaer demonstrieren, daß sie mit der neuen Technik exakt die Art von User Experience produzieren können, die in ihrer Branche erwartet wird. Tatsächlich scheint es kaum eine Layoutidee zu geben, die sich nicht ebensogut mit Styles wie mit Tabellen realisieren läßt - wenn man die Werkzeuge im Griff hat.

3. Weitestgehend oder vollständig identisches Aussehen auf den Bildschirmen aller Personalcomputer (es gibt auch andere Ausgabegeräte!) ist eine Frage der Zielgruppe und des Aufwandes. Stern.de hat bei seiner Zielgruppenanalyse festgestellt, daß gerade noch 1,3% seiner Besucher den besonders kritischen Uralt-Browser NN4 einsetzen. Diese Mindeheit erhält jetzt nur noch Content pur - mit etwa 25 Beschwerden in den ersten Wochen nach der Umstellung nahmen die Besucher das anscheinend ziemlich gelassen hin. Einen aufwendigeren Weg wählte die Deutsche Post AG, deren Server die Kennung der Browser abfragt und dann die "nicht-kompatiblen" Besucher mit einem Layout in alter Technik bedient. Ähnlich bei der Bundeswehr - hier aber auch mit reichlich Styles für NN4.. Offenbar sind die Einsparungen, die sich bei Auslieferung von über 90% aller Seiten in der neuen, schnellen Technik ergeben, so groß, daß sich die Doppelarbeit für die zusätzliche Erstellung eines Templates in alter Technik lohnt.

Patentrezepte gibt es nicht

Einfache Rezepte haben wir auch nicht zu bieten. Aber wir haben so unsere Erfahrungen...

Im übrigen gibt es zur Abschätzung der anfallenden Kosten und möglichen Einsparungen kein Patentrezept. Allgemein ist zu erwarten: Je größer der Anteil an textlichem/informativem Content in einem Webauftritt ist, desto stärker können standardorientierte Entwicklungsverfahren zur Senkung von Kosten für die Erstellung von Templates beitragen. Und umgekehrt: Je höher der Anteil grafischer Elemente und multimedialer Inhalte, desto teurer wird die Erstellung des Contents - unabhängig davon, ob der Seitenaufbau mit oder ohne Rücksicht auf die Standards erfolgt.

Sinngemäß gilt diese Überlegung auch bei den Betriebskosten, insbesondere im Zusammenhang mit der Serverlast: Multimediale Inhalte sind derartig voluminös, daß der Anteil der Seitenstruktur demgegenüber deutlich weniger ins Gewicht fällt als bei Text. Der dort anfallende Gewinn jedenfalls ist unübersehbar.. Douglas Bowman, einer der Entwickler von Wired News, gab bereits wenige Tage nach Übergang zum neuen Layout die Auskunft, daß die durchschnittlichen Download-Zeiten pro Seite um etwa 30% zurückgegangen seien. Alireza Jerani von Stern.de stellt sogar eine "Verschlankung" seiner Seiten um durchschnittlich zwei Drittel fest.

Und was ist mit den Kleinen?

Serverlast reduzieren, CMS-Anbindung verbessern, Template-Erstellung erleichtern - das klingt fast so, als ob die Vorteile standardkonformer Seitengestaltung nur bei den ganz großen Webangeboten zu nutzen wären. Daran ist zumindest soviel richtig, als Anbieter, für die diese Stichworte keine besondere Kostenbelastung signalisieren, dort auch nichts einsparen können. Das Webwriting-Magazin zahlt eine Pauschale und nutzt kein CMS - da haben wir nichts zu gewinnen. Schon anders steht es um die Arbeit mit Templates: Die Übernahme eines - in ordentlichem HTML vorliegenden - Artikels in unser leider ein wenig anders gestricktes Layout warf soviele Probleme auf, daß sie Stoff für einen ausführlichen Bericht bot. Die Übernahme eines anderen Textes, der in tabellenfreiem XHTML abgefasst war, ließ sich in einer knappen Stunde abwickeln - keine besonderen Vorkommnisse. Das Einpflegen neuer Texte in unsere schon im intermediären Design recht sauber strukturierten Templates ist eine Kleinigkeit.

Mindestens ebenso interessant sind zwei weitere Vorteile, die sich großen und kleinen Anbietern gleicherweise bieten: Vergrößerte Reichweite - etwa mit Blick auf mobile Devices - und erhöhte Zugänglichkeit für Behinderte.

Die Reichweite vergrößern

Bei Licht betrachtet handelt es sich nur um zwei Seiten einer Medaille. Standardkonform gebaute Seiten können von allen standardkonformen Plattformen wiedergegeben werden. Natürlich mit hardwarebedingten Einschränkungen - daß jemand auf dem Handy das Webwriting-Magazin lesen mag, ist wohl noch unwahrscheinlicher, als daß er sich dort ein Fußballspiel anschaut.

Zum Thema "Zugänglichkeit und Barrierefreiheit" gibt es im Webwriting Magazin inzwischen einen eigenen Artikel.

Zu diesen (mehr oder weniger) standardkonformen Plattformen gehören aber auch Screenreader oder Braille-Leser, die Blinden den Zugang zum Internet ermöglichen. Wer standardkonforme Seiten mit klarer Trennung von Content und Layout ins Web stellt, erfüllt damit ohne jede weitere Anstrengung die wesentlichsten Bedingungen, die an "Barrierefreiheit" gestellt werden. Um den zusätzlichen Anforderungen, der deutschen BITV, der amerikanische 'Section 508' oder WAI double-A gerecht zu werden, sind dann nur noch relativ geringe Zusatzleistungen erforderlich. Sie sind auf dieser Grundlage leicht zu erbringen - während sie bei konventionelle Seiten mit Layouttabellen großen Aufwand erfordern können - sofern das überhaupt möglich ist.

Neue Angebotsfelder erschließen

Ähnlich verhält es sich mit den Mobile Devices. Webseiten in validem XHTML können heute schon von jedem iMode-Handy und vielen Handhelds abgerufen und mit ein bißchen Glück auch lesbar dargestellt werden. Das alleine bringt freilich noch keinen großen Nutzen, nicht zuletzt wegen der ungünstigen Kostenstruktur der mobilen Webdienste. Aber auch hier bietet tabellenfreies XHTML die besten Voraussetzungen dafür, mit geringem Aufwand oder automatisch Kurzfassungen von Seiten zu erstellen. Das eröffnet gerade auch "kleinen" Anbietern interessante Möglichkeiten im Bereich der von mobilen Usern besonders nachgefragten lokalen Dienste: Sehenswürdigkeiten, Veranstaltungen, Restaurants.

Für jeden etwas

Große Anbieter können durch den Einsatz von standardnahen Verfahren bei konsequenter Trennung von Content und Präsentation eine substantielle Kostensenkung und Verringerung der Belastung bei künftigen Investitionen erreichen. Kleine Anbieter können ihre Reichweite verbessern und neue Leistungen anbieten, ohne dafür besondere Investitionen vornehmen zu müssen. Know-how ist alles.

Für Leser, die mit dem Begriff "Quellcode" nichts anfangen können, ist der Artikel hier zu Ende. Für alle anderen enthält er ein paar Bemerkungen dazu, daß "Standardnähe" für große CMS-getrieben Webauftritte nicht so leicht zu erreichen ist wie "Standardkonformität" für kleine.

Schlussbemerkung für Fachleute: Das soll standardnahes Design sein?

Diese Frage kann man sich schon stellen, wenn man einen Blick hinter die Vorderseite, also auf den Quellcode, geworfen hat. Doch Webauftritten dieses Kalibers wird man nicht gerecht, indem man jede noch bestehende Tabelle als Indiz dafür nimmt, das könne ja wohl kein CSS-Design sein. Auch nicht dadurch, daß man sie durch den Validator jagt und Fehlermeldungen zählt. Viele im Mangel an Zeit oder Geld begründete bzw (CM-) systembedingte Faktoren verhindern, daß hier schon im ersten Anlauf valides CSS-Design produziert wird. Die amerikanischen Seiten sind da schon etwas weiter.

Als CSS-Design akzeptiere ich hier Layouts, die im großen ganzen auf der Trennung von Content und Präsentation aufbauen. Man erkennt sie am leichtesten daran, daß beim Abschalten der Styles die Darstellung linearisiert wird und nur noch hier und da eine "Tabelleninsel" im Dokumentenfluß auftaucht. Mit stern.de konnte ich bereits sprechen - dort hat man sich ganz klar das Ziel gesetzt, noch näher an die Standards heranzukommen. Interviews mit Verantwortlichen der beiden anderen Webauftritte sind geplant - wenn es etwas zu berichten gibt, werden wir das tun.

Man muß sich aber bei diesen Projekten darüber im Klaren sein, daß die Vorgaben des jeweiligen Managements an die Entwickler bestimmt nicht lautete: "Macht uns fit für den Validator". Sie haben wohl eher etwas gesagt wie: "Unser Kosten für Traffic sind zu hoch - tut was dagegen!" - und wo vom Sparen die Rede ist, hat Perfektionismus wenig Raum.

Die Welt ist schlecht - und das Bessere ist der Feind des Guten.

Vom Standpunkt des reinen Markup aus gesehen, ist das natürlich sehr, sehr böse. Aber wir alle wissen es: Die Welt ist schlecht. Und vielleicht entdecken die Verantwortlichen ja auch eines Tages, daß sie noch mehr Traffic reduzieren und noch mehr Reichweite gewinnen können, wenn sie noch mehr in Standardkonformität investieren.

© Claudia Klinger +
Michael Charlier
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